Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. November 1952 (Tübingen)


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Tübingen, den 3. November 52
Meine einzige Freundin!
Heute ist ein Tag, daß man Wasser atmet statt Luft. Er lag mir auch so auf dem Kopf, das ich alle Zettel, die ich vormittags geschrieben hatte, wieder umwerfen mußte. Der Dozent sollte eben nicht so alt sein.
Bei Dir ist, wie ich leider höre, ein abendlicher Schreck gewesen. Man hat so schon genug auf den Nerven.
Ich habe von der Schweizer Jugendhilfestiftung den Pestalozzi-Weltpreis erhalten. Er besteht in 3000 frcs, einer Medaille und einer Urkunde. Das heißt: erhalten habe ich bisher nichts. Die Medaille soll in Zürich, vermutlich am 20.XI., überreicht werden; (im Anschluß daran fahren wir dann gleich nach Bern, wo ich zu reden habe.) Das Geld will ich teilen: ⅓ für den jetzigen Neuhof, ⅓ wahrscheinlich für Pestalozzi-Fröbelhaus Berlin, ⅓ für Sus. u. mich zum Aufenthalt in der Schweiz.
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Was ich seit der Rückkehr aus Würzburg getan habe, war wieder so zersplittert, daß ich es im einzelnen kaum noch weiß. Zum Teil folgte es aus der Würzburger Sitzung der DFG. (Ich fahre aber nicht zu der nächsten, die in Bonn schon am 9.XI. ist.) zum Teil Denkschrift, Rundfunkvortrag (Liberalismus.) Sendedaten werde ich Dir mitteilen. Ein ganz klein wenig habe ich auch für das Semester tun können, indem ich mir Hegels Religionsphilosophie (Seminar) wieder vergegenwärtigt habe. Morgen um 8 ist die erste Vorlesung.
Jeder weiß es, warum solltest Du es nicht auch wissen?: Meine Nachfolge ist zuerst dem angeboten worden, der auf der Liste an 3. Stelle steht: Prof. Hans Barth (Zürich), also einem Schweizer. Es verlautet mit Bestimmtheit, daß er nicht annehmen wird. Also geht nur Zeit verloren, und der an 1. Stelle genannte Bollnow ist gekränkt. Er wird dann wohl wo anders annehmen. So verfährt unser Minister.
Mädis Mann ist doch wohl in Bielefeld. Da ist auch der Mann meiner Nichte Hilde Körner (Adalberts Schwester)
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| tätig: Peter Schmidt. Er ist Musikfritze. Wenn er auch an der Akademie ist, müßten die beiden Kunstvertreter sich doch eigentlich kennen. (?)
Wir hatten Besuch von Hillgenbergs und vorgestern von Prof. Frhr. v. Brandenstein (Saarbrücken, früher Budapest) mit Frau und Sohn. Hinausgekommen sind wir nicht mehr viel, auch wegen schlechten Wetters. Nur gestern waren wir in Reutlingen und kletterten ein Stück die Achalm hinauf.
Littmann geht es ordentlich. Wir waren mit Wais-ens zusammen bei ihnen eingeladen. Aber nun muß Frau Littmann sich in Freiburg einer Operation unterziehen. In Freiburg – hier geht das nicht!!. Das ist für den alten Herrn (77) sehr schlimm. Jenny ist als Aushilfe angeboten. Aber ich bin nicht sicher, ob das ratsam ist.
Als Drucksache sende ich Dir meinem im Hôtel Sprandel (Metzingen) entstandenen Beitrag zu der einen Meinecke-Festschrift. Auch in der Hartmann-Gedenkschrift ist etwas von mir erschienen. Aber das ist rein philosophisch-fachlich.
Werner Jaeger ist an der Harvard-Universität – nur besuchsweise in Athen, zum 1. Male in Griechenland!
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Sorge dafür, daß Du Dich nicht erkältest, und vermeide nach Möglichkeit das Ausgehn in der Dunkelheit bei Eurem Trubel und dem schlechten Rohrbacher Pflaster. (In manchen Teilen von Bonn ist es übrigens nicht besser.)
Ich kann nicht sagen, daß ich mit einem Kraftüberschuß anfange. Nun muß ich gleich wieder einen Vortrag für Bern machen. Betriebsamkeit über Betriebsamkeit!
Die Fröbelkorrekturen sind gestern fertig geworden und an Quelle u. Meyer, Zeppelinstr. 200, abgegangen.
Ich mache Schluß mit den herzlichsten Wünschen und Grüßen, indem ich noch einmal alle Vorsicht und Schonung empfehle. Das ganze Haus grüßt mit.
Stets in Treue
Dein
Eduard

[] Der (bisher unbekannte) Patensohn Peter Schnabel ist – aus Jena flüchtig – hir zum Studium der Physik eingetroffen.