Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. November 1952 (Tübingen)


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Tübingen, den 27.XI.52.
Meine einzige Freundin!
Zu den Erwägungen Deines lieben Briefes möchte ich zunächst sagen: Wenn eine Anzahlung oder Einzahlung von mir die Realisierung eines von Dir als gut erkannten Planes befördern oder erleichtern kann, so sollst Du keine Rücksichten anderer Art nehmen, sondern eher drauf bedacht sein, daß Dir der Platz nicht entgeht. Wonach soll sich denn der "Termin" richten? Mißlich ist es, wenn man warten soll, bis eine Insassin stirbt. Vielleicht gibt es noch andere Heime, die in Frage kämen?
Wozu sollte der Baukostenzuschuß sein? Vielleicht zu einer kleinen Erweiterung? Dann müßte jedenfalls gewartet werden, bis alles trocken ist.
Summa zu diesem Gegenstande: Ich mache alles mit, wie es Dir lieb ist, und erst recht nach Übersiedlung.
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Ungewohnte Schmerzen? – Hoffentlich handelt es sich um bloße Reaktionen auf das Klima! Mir knacken manchmal alle Knochen, wenn ich vom Stuhl aufstehe. Das ist eben "das Alter". Wichtig ist es, die Nierengegend warm zu halten, als partem minoris resistentiae. Kohlen und Holz herauftragen sollte nicht nötig sein. Das macht jeder 15jährige aus der Nachbarschaft für 1 M., wenn man nicht gerade eine Geizhexe ist. Man kann auch bei Lust und geeignetem Wetter ein paarmal in der Woche in dem nahen Perkeo Mittag essen. Und man kann die neue Hilfe einen Tag in der Woche mehr kommen lassen. Wenn man nämlich keine Geizhexe ist.
Als wir in Zürich ankamen, fiel ein nasser Schnee. Die Limmatbrücke wird erneuert. Das scheußliche grüne Warenhaus mitten im Fluß ist z. Z. verschwunden. Wir aßen mit Zollingers in dem alten Centralhôtel, das Dir bekannt ist und an dem fast nichts verändert ist. Am 20. gingen wir – jedes Schaufenster
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| betrachtend – an den See und aßen dann sehr gut bei Zollingers zu Mittag. Nachm. Spaziergang um das Hôtel Sonneberg herum, wie wir es auch gemacht haben. Gegen 6 kam der Prof. Barth, der es abgelehnt hat, mein Nachfolger zu werden. Ich kannte ihn noch nicht. Er fuhr uns zu Stettbachers, wo wir ebenfalls sehr freundlich aufgenommen wurden.
Am 21.XI um 11 Uhr im Pestalozzianum (wo Du m. W. auch einmal gewesen bist) die Überreichung des Preises in Gegenwart von etwa 12 Honoratioren (und den Damen Zollinger und Stettbacher) Auch der vorjährige Preisträger Prof. Hanselmann wurde mitgefeiert. Bundesrat Dr. Wetter hielt eine Ansprache, ich erwiderte. Dann wurde photographiert.
Wir wurden dann in das Zunfthaus Saffran gefahren. Dort mußten wir ziemlich lange auf den Stadtpräsidenten Landolt und den Erziehungsdirektor – Vaterlaus warten. Es sprachen Stettbacher, und ich mit Hoch auf Land und Stadt Zürich.
Ganz kurze Ruhe im Hôtel, dann noch mit Zollingers im Café, Abfahrt 17.30, Ankunft Bern 19.10. Mit Auto
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| nach dem Hôtel in der Altstadt, wo für uns Quartier gemacht worden war, mit dem schönen Namen "Herberge zur Heimat". Entsprechend poesielos, aber sauber und mangelhaft geheizt. Der Gipfel war doch, daß ein alkoholfreies Restaurant damit verbunden war! Der Veranstalter, Dr. Zurukzoglu [über der Zeile] Grieche, holte uns dort ab und ich bekam 3 Deci. Schlief schlecht.
Nicht weit von den "Herberge" ist das Kantonale Berufsamt, dessen Direktor Jeangros mir seit einiger Zeit ein lieber Freund geworden ist. Er zeigte uns in geistvoller Weise einige Teile der Stadt. Sehr eiliges Mittagessen in der Zytglokke. Um 14 Uhr mit dem Kollegenehepaar Medicus, das sich auch über die "Herberge" wunderte, abgeholt zur Universität. Es sprachen – immer über das gleiche Thema: 1) der Erziehungsdirektor von Bern frzösisch. 2) ein Panhumanist Dr. Kränzlin, 3) Berner Emeritus Herbertz, der mich 1910 in der Bewerbung um den Berner Lehrstuhl ausgestochen hat, sehr spielerisch. 4) ich (auf Radio aufgenommen.) Allerhand alte Bekannte. Wir aßen allein ganz nett und blieben, weil ich müde war, dem gemeinsamen Essen fern. Am nächsten Morgen habe ich noch 3 Vorträge (ohne Belang) angehört, dann holte
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| ich mit dem Auto Susanne aus der "Herberge", und um 14 waren wir in Burgdorf. Von dort habe ich Dir geschrieben. Es war dort – auch im Hôtel – hübsch und still. Montag gegen 10 fuhren wir ab. An Schinznach, Habsburg, Brugg (!) vorbei, erreichten ½ Min. vor Abfahrt den Zug nach Singen. Rheinfall durch Wasserfülle imposant. ¾ Std. Aufenthalt in Horb. Abends noch Vorbereitung auf die Vorlesung. Langer Brief von Heuß, der nicht auf Zeitmangel deutet.
Frau Olga Knauer ist mit 82 Jahren, anscheinend durch ein Gasmalheur, gestorben. Mitteilung v. Marg. Hilgenfeld.
Es folgen noch mehrere Reisen. 1) nach Calw, Fröbelvortrag am 5.12. 2) nach Schwenningen, Lehrerinnenseminar u. Lehrerschaft 12.12. –  3) nach Hamburg zum 19.12. Dort soll mir der Goethepreis der Stadt Hamburg im Rathause überreicht werden. Ich muß aber dazu einen Vortrag halten. Du siehst – Ruhe gibt es für mich nicht.
Ob wir am 18.12 durch Heidelberg kommen, ist nicht sicher. Würzburg hat bessere und weniger anstrengende Verbindung. Aber wohl auf der Rückfahrt am Bhf. (am 20.12.) Auf ein besseres und längeres
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| Sehn um die Weihnachtszeit werde ich, wenn die Kräfte reichen, bedacht sein. Am 16.I rede ich in Mannheim, wohne dann vielleicht in Heidelberg.
Das leibliche System muß eben bei alledem standhalten. Es zwackt mich bald hier und da. Aber "es geht so".
Die 3000 frcs sind so verteilt: ⅓ der Neuhof, ⅓ Pestalozzi-Fröbelhaus Berlin, ⅓ bleibt in der Schweiz für einen Aufenthalt, nach dem Susanne äußerst giegrig ist.
Mit Zollingers ist es immer herzerwärmend.
Unser Minister ist die Gottesgeisel der Beschränktheit. Er ruiniert, was er kann.
Ich bin nun müde und verabschiede mich mit den innigsten Grüßen in treuem täglichen Gedenken. Susanne und Ida, die inzwischen in Stuttgart war mit der Frau Lincke grüßen auch.
Sei gesund und schone Dich.
Dein
Eduard.