Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20./21. Dezember 1952 (Tübingen)


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Tübingen, 20.XII.1952
17 Uhr.
Meine einzige Freundin!
Vor 1½ Stunden sind unsre Restbestände hier eingetroffen. Obwohl die Geistesverfassung nicht auf der Höhe ist – nach mehr als 15 Stunden Fahrt, – will ich hiermit doch meinen Weihnachtsgruß an Dich beginnen. Denn hier lag so viel, das Erledigung verlangt, daß ich später vielleicht nicht mehr rechtzeitig zu den privaten und Herzenssachen komme.
Was ich Dir für die Weihnachtstage wünsche, bedarf kaum noch einmal ausführlicher Erwähnung. Mir scheint vielmehr, daß die stille Begegnung unsrer Gedanken etwas trivialisiert wird, wenn wir die üblichen Ausdrücke darauf anwenden.
So will ich dann lieber zunächst einmal erzählen. Wir sind also am Donnerstag vor 10 Uhr aus dem Hause
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| gegangen, mußten den Bummelzug sogar in Plochingen noch wechseln. Von 13–16 waren wir im Zuge nach Würzburg. Dort stiegen wir in den sog. "Blauen Enzian", der sich schon in der Gegend Bebra ½ Stunde Verspätung holte. Er holte sie durch rasendes Fahren wieder ein, bekam sie dann aufs – neue. Wir waren erst 23½ im Hôtel Atlantic, wo wir Rosen für Sus. von dem Stifter der FVS Stiftung und Weihnachtsgebäck von Luise Besser vorfanden. Am Freitag bald nach 9 kam die sehr sympathische und geschickte Sekretärin von Herrn Töpfer, mit der alle Termine festgelegt wurden. Dann erschien liebenswürdiger Weise Hr. Töpfer selbst; nach ihm ein Journalist für Rundfunkinterview. Mit dem Auto, das uns den ganzen Tag zur Verfügung stand, fuhren wir zuerst nach dem Rathause, damit ich mir das Redepult ansehen könnte; es wurde
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| aber daraus eine Besichtigung aller Prunkräume des Hauses. Bei dieser Gelegenheit waren auch Dr. Felix Meiner (Leipziger Verleger, der jetzt endgiltig nach dem Westen – Hamburg ausgerückt ist) und sein Sohn dabei. In der Universität gab ich unsre Karten bei dem Rektor Snell ab, (der wider Erwarten anwesend war) Endlich fuhren wir nach Groß-Flottbek zum Gästehaus der Stiftung an der Elbe, die wir aber nicht sahen, weil starker Nebel war. Dort aßen wir zu Mittag mit dem Ehepaar Töpfer, (Stifter) Prof. Beutler (Goethehaus Frankfurt), Prof. Angelloz, Rektor von Saarbrücken (mit Frau) Frau Oberschulrätin Beckmann, Prof. Sieverts und Flitner – die letzten drei aus Hamburg.
Erst kurz nach 14¼ waren wir wieder im Hôtel, ½ Stunde Ruhe, Umziehen (Orden Pour le m. zum 1. Mal angelegt), noch einmal Ms. angesehen, Kaffee nebenbei. Um 16¼ waren wir im Rathaus. Einzug neben dem Rektor und den Dekanen im Ornat, mit uns der Bürgermeister Brauer und der Präsi
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|[] dent der Bürgerschaft
. Der Saal war voll [über der Zeile] Lautsprecher. mindestens 800 Personen. Ich saß zwischen dem Bürgermeister und Susanne. Nach Musikstück (Streichorchester) charakterisierte der Rektor meine Lebensarbeit, bat mich aufs Podium, verlas die Urkunde und überreichte sie mir. Ich begann mit einigen Sätzen des Dankes und hielt dann m. Goethevortrag "Heilige Liebe." – "Ich will mich nicht rühmen" – aber es war etwas drin, und anscheinend fesselte er den großen Kreis. Lebhafter Beifall. Sehr gute Schlußmusik. Auszug. Im Nebenraum begrüßte mich Hanna Glinzer, die eingeladen war und mit der ich noch 1 Jahr länger bekannt bin als mit Dir. Auch Erika Blumenstock war da. Nicht Frau Franke (diese alle und Wallners hatte ich einladen lassen.) Begegnung mit dem früheren Dahlemer Nachbarn, jetzt Präsidenten der Hamburger Bank, Dr. Leist war schon im Zuge erfolgt und erfreulich.
Nur ¼ Stunde Pause (in der ich den Orden ablegte), dann Festessen in unsrem Hôtel [li. Rand] 19 Uhr, zu dem 60 Gäste eingeladen waren; darunter fast die ganze Hamburger Pädagogik.
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| Ich saß neben Frau Töpfer und Frau Snell. Hier mußte ich zum dritten mal reden (Ansprachen erwidern.) Das Essen war keine Schlemmerei. Hinterher noch mit vielen Bekannten gesprochen. Um 22 gingen wir auf unser Zimmer zum Packen, um 23 waren wir am Bahnhof in lautem Trübel des Weihnachtsverkehrs. Beutler fuhr im gleichen Zug. Er [über der Zeile] Dieser kam mit reichlich ½ Stunde Verspätung. Im Schlafwagen – auch die Reise wurde noch vergütet, – konnten wir wenigstens liegen. In Frankfurt erzielten wir um 9½ auch noch Sitzplätze. Via MannheimMaulbronn waren wir um 17½ zu Hause. Die Aufregungen und Anstrengungen einer – sonst so schönen Fahrt – sind enorm. Denn eben davon, daß der Festvortrag gelingt, hängt doch die ganze Veranstaltung ab. Susanne heimst dann die Blumen ein.
Hier fand ich natürlich viel Post, leider auch 2 Todesanzeigen:
die Mutter von Frl. Lampert u. Frau Penck, Frau Pen Lampert, ist mit 90 Jahren gestorben (Stuttg., Pischeckstr. 13). Und Alice, mit der ich seit Jahren außer Verbindung
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| bin, teilt den Tod von Frida Gobisch mit, die auch nahe an 80 geworden sein muß.
Hier mache ich zunächst einmal eine Pause, um Fahrpläne für den 28.12 zu studieren. Bei dieser Forschung gehe ich nicht voraussetzungslos vor, sondern mache zum Hauptpunkt, daß das Unternehmen für Dich nicht anstrengend wird.
Das habe ich mit vieler Mühe und Sorgfalt getan, und ich schreibe Dir das Resultat weiter unten auf. Es bleibt nichts, als daß Du Sonntagskarte bis Mühlacker lösest und dann im Zug gleich bei der ersten Kontrolle eine reguläre Rückfahrkarte nimmst von Mühlacker bis Bietigheim = 23 km = ca 2,80 M, plus 20 Pf. für den Schaffner.
Für den 15. Januar bestelle ich (bzw. Quelle u. Meyer) doch wohl lieber im Gästeheim Denner. Wegen des Seminars kann ich erst abends um 10 eintreffen. Ich werde dann aber wohl bis 17.I. noch in Heidelberg bleiben, weil
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| ich im Laufe des 17. auch mit Schmeil reden muß.

21.XII.
Dieses Programm hat sich durch die heute früh eingetroffene Post schon wieder geändert. Am 17.I. ist Forschungsgemeinschaft in Mannheim. Alles verschiebt sich um einen Tag. Darüber können wir – hoffentlich – am 28.12. noch reden, wenn weiteres geklärt ist. Was diesen 28. betrifft, so füge ich noch etwas Wichtiges hinzu: Du sollst und darfst nicht fahren, wenn bei Euch das Wetter ungeeignet ist – sei es sehr kalt oder regnerisch und windig. Ich wollte so wie so einmal nach B. Es schadet nichts, wenn ich allein hinkomme. Dir aber darf die Begegnung nicht schaden. Ich mache Dir dann gleich einen anderen Vorschlag.
Um nun noch eigentlich weihnachtlich zu reden, ist es heute zu unruhig. Ich schreibe später noch ein paar Worte.
Schon heute aber sei innigst gegrüßt mit guten Wünschen von dem ganzen Hause. Und die übliche Bitte um Vorsicht, Schonung – auch in Bezug auf 28.XII.
Dein getreuester
Eduard.

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Aber Heidelberg mit direktem, zuschlagfreiem
{Städtezuge  9.16. }  1 Std.
Sonntagskarte {an Bietigheim  10.51.}  25 min
Um diese    }ab Bietigheim17.30.
Zeit ist kein }     Mühlacker17.53.    sollten diese 4 Minuten
durch-        }       umsteigen (leider)   beunruhigen, so 17.05 –17.38.
gehender    }ab Mühlacker 17.57   Bie.    Mühl.
Zug, auch   }an Bruchsal18.51. 
von            }      umsteigen (leider!)
Stuttgart     }ab Bruchsal19.08
nicht.         }an Heidelberg20.04. 2½ Stunden
<2 W. unleserl.>
Ich an Bietigheim       10.12
zurück ab Bietigheim  17.41x) an Tübingen 19.50.
Der Kern des Ortes B. ist alt.
Außerdem gibt es dort ebene Promenade an der Enz – auch Wald.
[Fuß] x) Also nimmst Du vielleicht doch besser den Zug ab Bietigh. 17.05.