Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Januar 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Januar 1952.
Mein liebes Herz!
Die Glocken läuten das neue Jahr ein, und auf der Straße ist ein sinnloses Krachen und Explodieren. Hier drin aber ist es still und ich habe mir gerade auf der Karte den Weg gesucht, den Du am Samstag bei schöner Sonne allein gemacht hast. Dein lieber Brief heute hat meinem Herzen sehr wohlgetan. Habe Dank, daß Du [über der Zeile] ihn für mich Deiner müden Hand nach all dem vielen Schreiben noch zugemutet hast. Und immer ist alles zur rechten Zeit da, während es bei mir bald vorher, bald nachher angezockelt kommt. Du wirst aus meinen verschiedenen Zetteln entnommen haben, wie unruhig es bei mir war, und wie sehr ich dies Jahr die nötigsten Briefpflichten zu erfüllen strebte. Auch Besuche habe ich heut gemacht, bei der Hanni Popp (wegen des Freßpakets!) bei Frau v. Braunbehrens (verreist) und daher bei Conrads, wo ich den Kranken allein antraf,
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| vertieft in die Betrachtung seiner kunstgeschichtlichen Abbildungen. Der jüngere Bruder war leider nicht da, nur die Schwester Heidi. Der Patient ist nur für das Fest zuhause, er muß noch weiter in die Schlierbacher Klinik.
Daß meine Weihnachtstage erfreulich waren, hatte ich ja wohl erzählt, besonders der 1. u. 2. Feiertag waren innerlich belebt, der 3. bei mir etwas weniger. – Der Besuch von Matusseks war insofern nicht ganz gelungen, als sie nicht, wie ich vermutete in Ziegelhausen zum Tee waren, sondern direkt von Weinheim nur zu mir kamen. Da hätte ich eigentlich ein Abendessen haben sollen, und bot ihnen nur Stolle und Obstsalat, sowie Tee mit dem Rum, den der kl. Bruder gestiftet hatte. Um ½ 9 fuhren sie ab, und haben dann hoffentlich zuhaus noch was Reelles bekommen. Der Münchener war sehr lebhaft interessiert, von Dir zu hören, und Dir einen Gruß von hier zu schicken. Außerdem fragte er mich sehr aus nach den Professoren in Berlin: Harnack, Dilthey etc.
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| überhaupt nach der geistigen Atmosphäre vor 50 Jahren. Worüber ich natürlich nur sehr subjektive Eindrücke wiedergeben konnte. Er selbst hat sich jetzt in München habilitiert, und denkt im Sommer eine größere Arbeit zu beenden und zum Winter Vorlesungen zu beginnen. Hast Du noch eine Ahnung, wie der Mann hieß, der damals in der Kasseler Zeit, die Theorie der Nichtexistenz von Christus aufstellte?
Ist das kleine Heft von Frl. Besser auch Abbildung von Werken eines japanischen Künstlers wie das, was Du mir schenktest?
Gelesen habe ich in diesen Tagen nur ein kleines Buch von Julius Overhoff: Eine Familie aus Megara, das ich sehr reizvoll finde. Kennst Du es, oder hörtest Du davon? Es ist 1946 im Suhrkamp-Verlag erschienen. – Dieses kleine Buch aber ist für mich eine Verlegenheit, denn ich weiß garnicht, aus welchem der Päckchen es stammt! Ich muß suchen, das zu ergründen. – Du siehst daran, wie groß die Fülle war, mit der man mich erfreute. In der Hauptsache aber war es Eßbares,
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| und davon nähre ich mich täglich.
Du fragst, woher das Motto stammt, das [über der Zeile] dies Jahr für mich bestimmend wurde! Genau kann ich es nicht sagen, aber in meiner Erinnerung habe ich es Dir [über der Zeile] als Dein Eigentum zurückgegeben auf einem Pergamentstreifen mit der gemalten Feder, die wir am Weißen Stein gefunden hatten. Und als Hermann es damals sah, hatte er Einwendungen gegen den Sinn. Aber wann Du es schriebst oder sagtest, weiß ich nicht mehr. Es war wohl damals als Du meine Weltanschauung bekämpftest. Und ist es nicht wirklich, wie so vieles sonst, die knospenhafte Andeutung Deiner künftigen Entwicklung? Und so, mein geliebtes Herz, fügt sich alles immer in die Spiraltendenz unsres gemeinsamen Lebens, durch das Du mich zu solcher Höhe und Entfaltung geführt hast, wie ich es garnicht ahnen konnte. Mein Anteil war nur bestimmt durch den 13. Corintherbrief, den mir Scholz auf den Weg mitgegeben hatte. Und von diesem Glück lebe ich täglich – stündlich, voll Dank für Dich.
Es ist nur wenig von dem in diesem Brief gesagt, was mich in diesen Tagen bewegte. Aber Du weißt es ohne Worte.
Immer
Deine
Käthe.