Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Januar 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Januar 52
Mein liebes Herz!
Auf dem Tisch vor mir unter der Lampe stehen drei so fröhliche rote Tulpen, wie sie jetzt in Massen bei den Gärtnern zu sehen sind. Sie sind der Nachklang eines sehr bewegten Nachmittags. Erst war Rösel Hecht zum Kaffee da, und brachte das eine Blümchen mit. Es war dann zwischen uns ein sehr harmonisches und belebtes Gespräch. Mitten hinein klingelte es, und es kam Frau Buttmi, die mich schon lange mal besuchen wollte, und damit war ich [über der Zeile] zwischen den beiden natürlich ausgeschaltet. Rösel schlug mir dann noch vor, morgen irgend einen Spaziergang am Königstuhl mit ihr zu machen, was wir unter der Bedingung leidlichen Wetters ausführen wollen. Um die Fahrpläne einzusehen, gingen wir alle an die Haltestelle am Eichendorffplatz, fanden aber nichts und Rösel fuhr ab, Fr. B. ging nach Haus. Als ich darauf unsre Treppe herauf kam –  – stand die kleine Held vor mir.
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| Sie brachte das zweite Tulpentöpfchen (mit 2 Blüten), und trank gern eine Tasse Tee mit dem von Norbert Matussek geschenkten Rum, sowie sie auch zu einem Stück Kuchen bereit war, denn sie hatte eine längere ärztliche Besprechung gehabt und war müde und hungrig. Sie machte entschieden einen normaleren Eindruck und war natürlich und zugänglich. Sie ist in Deinem Kantkolleg regelmäßig gewesen, und meint, Deiner Führung gefolgt zu sein, aber habe nicht viel dafür arbeiten können, da sie eine eigne Arbeit vorhatte, die jetzt endlich vor dem Abschluß sei. – Sie wurde dann leider bald von der Schwester abgeholt, mit deren Bräutigam sie im Auto herbefördert war. Von dieser Schwester hatte sie mir erzählt, sie sähen sich ähnlich, doch diese ist ein frisches, gesundes Schwabenmädele, ein völlig andres Menschenkind.
So hat der hübsche Tannenzweig, der noch ganz unverändert gut aus­sieht, viel liebe Menschen bei mir gesehen im Laufe dieser Weihnachtszeit. Eingeweiht durch Dich, der Du mir das Liebste auf
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| Erden bist. Unter den Zweigen liegen so viel Zeichen liebevollen Gedenkens von allen Seiten, daß ich sehr dankbar bin. Es ist mir, als ob alle Menschen eben in dem Gedanken leben, noch möglichst viel Liebe zu erweisen, solange es möglich ist. So ist es mir auch gegangen mit meinem ungewöhnlichen Eifer im Schreiben zum Fest und zu Neujahr. Und noch immer steht allerlei aus, was ich noch erledigen möchte. So vor allem der Dank an Susanne für das hübsche Buch und den lieben Brief.
Aber heut will ich doch gern nur wieder bei Dir sein, und ein wenig von dem reden, was mich in den gewohnten Neujahrsgedanken bewegte. Denn wenn wir auch beide immer mit dem Blick aufs Ganze des Daseins gerichtet leben, so kommt doch unwillkürlich mit der offiziellen Betonung des Jahreswechsels eine gewisse Vor- und Rückschau über uns. So lebte in mir die Erinnerung an unsren Aufenthalt bei der Mecka auf, im Gedanken an das bevorstehende Fröbeljahr. Und ich ließ einen Abzug von dem Bild seiner Büste machen, das wir damals
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| aufnahmen. Es geht mir durch den Sinn, wie die Gesamtentwicklung des Strebens nach Erziehung der Menschen gleichsam dem Wachstum des Einzelnen gleichläuft: Pestalozzi – Fröbel – Du: vom Kind im Hause, zur Kinderschule, zur Pubertät. Die Fruchtbarkeit der Gedanken wirkt als Sauerteig weiter in unbegrenzte Zeit.
Deine Bonner Rede, die ich auf Wunsch der Frau von Heinrich Eggert schickte, hat dort geradezu ein begeistertes Verständnis bei Mutter und Töchtern gefunden. Die eine, Kinderschullehrerin, kannte von der Ausbildung her Deine Schriften.
Und nun steht ein Jubiläumsjahr bevor, von mir durch Alter ersessen, von Dir in unablässiger Arbeit erworben. Möge es uns beiden nicht als ein Abschluß erscheinen, sondern als ein Beginn immer neuer Lebenseinsicht. Und möge es uns weiter, wie Du so schön sagst in Deinem lieben Briefe, "diesen Weg tiefer Harmonie führen, den uns das Schicksal durch nun fast ein halbes Jahrhundert schenkte." — Und möge es uns auch noch manche persönliche Begegnung gönnen. Das wünscht wie immer verlangend, aber nicht fordernd, in inniger Liebe
Deine Käthe.

[li. Rand] Herzliche Grüße an Alle.
[li. Rand S. 3] Dr. Zollinger schickte auch mir eine Verlobungsanzeige.