Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Januar 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27.Januar 1952.
Mein liebes Herz!
Hier sitze ich in meines Nichts durchbohrendem Gefühle an dem Tisch, an dem ich Dir den schlechten, eiligen Kaffee vorsetzte und bin überhaupt noch etwas im Kopf benommen von dem raschen und überraschenden Verlauf der Dinge. Es war so lieb von Dir, daß Du Dir nach den zwei anstrengende Tagen noch die Mühe machtest, hier heraus zu fahren. Hätte ich Dein früheres Ankommen ahnen können, wäre ich doch an den Bahnhof gekommen und Dir wäre Unruhe und Anstrengung erspart gewesen! Ob mich nicht eine telegraphische Nachricht noch rechtzeitig dorthin gerufen hätte?
Hoffentlich ist Deine Weiterfahrt ohne
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| Schwierigkeiten verlaufen, ganz ohne Hindernis fing es ja nicht gerade an. Wenigstens wissen wir ja nun für Sonntagx [li. Rand] x Sonntagskarte? d. 24.II. mit diesem Zuge Bescheid. – Du wirst dann auch mein Zimmer in würdiger Vorbereitung finden.
Daß ich die Ansprache zu Kerschensteiners Gedächtnis nicht hören konnte, ist mir doch recht bedauerlich. Es wäre lieb von Dir, wenn Du mir bei ähnlicher Gelegenheit die Sendestelle [über der Zeile] und Zeit angeben wolltest, von der Dein Vortrag ausgeht. Der Bayerische Rundfunk steht nicht in unserm Programm; aber Buttmis haben einen sehr guten Apparat und können ihn sicher auch hören. — In unsre Sendestelle ging ich damals nicht, wie [über der Zeile] ich vorhatte, wegen abscheulich schlechten Wetters. Da ich selbst ganz selten nur an einen Radio­Apparat komme, bin ich recht unerfahren in solchen Dingen. Die Bundes
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|tagsrede aber war in allen Zeitungen angekündigt. – Auf dem Rückweg von Heinrichs heut früh, erfuhr ich bei Frau Héraucourt, daß sie ein achtes Enkelchen bekommen hat, und daß Hanne, während Mutter und Kind in der Klinik sind, die übrige Familie hütet. Frau H. hat nun schon wieder inzwischen Zukunftspläne für die Tochter, und zwar plant sie, eine Leihbibliothek zu übernehmen, was ich doch für sehr riskant halte.? – Eine Halbtagesarbeit zu finden ist freilich aussichtslos. –
Von Heinrichs, Buttmis und Heraucourts habe ich natürlich die mehrfach aufgetragenen Grüße [über der Zeile] Dir nicht bestellt, wie ich auch Dir in meinem etwas betäubten Zustand keine für Susanne und Ida mitgab. Aber ich denke, Du hast sie als selbstverständlich vorausgesetzt. Ich möchte hiermit alles Versäumte gern nachholen.
Noch beschäftigt mich der überraschende Vorschlag,
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| daß Du meinen hiesigen Freunden eine Feier geben wollest. Da wüßte ich wirklich keine Möglichkeit der Auswahl, ohne irgend jemand zu kränken. Und wie gesagt, ein Zusammensein mit Dir ist mir zu kostbar, um es mit Andern in einem oberflächlichen „Festessen“ zu teilen. Ich hoffe, Du verstehst und billigst diese Einstellung. Am liebsten würde ich überhaupt jede eigentliche Feier vermeiden. Mein ganzes Leben war und ist doch immer nur ein stilles Dasein in anspruchsloser Enge, und in einer weiten, reichen inneren Welt, die mir durch Dich geschenkt ist. Möge mir auch im kommenden Jahre die Fähigkeit bleiben, dieses Glück bewußt zu erleben, das ist mein größter Wunsch. Denn es ist furchtbar, wie das Alter einen Menschen zerstören und entstellen kann, wie ich es an der alten Frau Buttmi sehe. – Und ein Versagen spürt man doch auch allmälig. Für heut nur noch innige Grüße, die Dir in immer gleicher Liebe nacheilen.
Deine Käthe.