Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Februar 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Februar 52.
Mein liebes Herz!
Gestern haben Frau Franz und Hedwig Mathy bei [über der Zeile] mir und einem gemütlichen Kaffee an den Vorstand gedacht, in deren Zimmer wir am 2.II.44 auch zusammensaßen. Wie viel liegt dazwischen und wie fern ist es innerlich gerückt! Sie gehen einer nach dem andern fort und es ist natürlich, daß ich besonders in dieser Zeit auch Vorbereitung dafür treffen möchte. Schon lange höre ich oft die Stimme unsrer lieben Tante, die mit Sorge davon sprach, daß wir aus einer so langlebigen Familie seien, und sie hoffe nur, daß ihr das nicht auch beschieden sei. Ich habe sie jetzt schon um 8 Jahre überlebt. – Sie dachte dabei immer an die "Großtante", die mir jetzt in den Briefen recht lebendig wurde, Großtante Eleonore v. Hippel,
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| die Schwester der Urgroßmutter, die 1875 [über der Zeile] 87jährig starb, im gleichen Jahr wie meine Mutter mit 27 Jahren. Es waren 3 Briefe der Großtante dabei an Onkel Hermann, seltsame, energische Hieroglyphen. Sie soll ein Original gewesen sein, begeisterte Anhängerin von Schleiermacher. Der Text der Briefe war mir sehr homogen. – So kommen eben manche fernen Klänge aus der Vergangenheit [über der Zeile] wohltuend zu mir. – Schmerzlich aber ist mir in der Gegenwart der Tod von Ernst Hoffmann. Eigentlich kannte ich ihn ja garnicht, bildete mir immer ein, das könnte sich noch einmal fügen, denn sein kleines Buch über Nicolaus von Cues hatte es mir angetan. So habe ich ihn also doch "gekannt".
Ein ganz andrer Mensch ist Sauerbruch, dessen Selbstbiographie ich gerade lese. Wie stürmisch geht es da zu. – Dir sind ja beide persönlich bekannt. Wenn Du doch auch in Tübingen so jemand zum Verkehr hättest!
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Hier steht der freundschaftliche Umgang unter allerlei Hindernissen. Bei Héraucourts wegen des bevorstehenden Umzugs, bei Buttmi's unter der Schwiegermutter, die jetzt ausgesprochen irrsinnig ist mit allen Symptomen, die eine Hauspflege fast unmöglich machen. Hoffentlich wird die Schwiegertochter nicht krank von all den Anforderungen und Aufregungen.
Wie es mit dem 25. werden soll, ist noch unentschieden. Am liebsten wäre ich abwesend. Nur auf den 24. freue ich mich! Es könnte bei gutem Wetter hübsch sein, nach dem Essen am Bahnhof mit der Elektrischen nach Neckargemünd, und "unsern" Weg, entweder bis Reinbach oder weiter. Dort lade ich Dich dann zum Kaffee ein, der bei schlechtem Wetter aber bei mir wäre.
Am 25. ist totale Sonnenfinsternis. Schade, daß es nicht schon am Sonntag ist. Weißt Du noch, wie wir in Wilhelmshöhe waren damals, und wie das bestürzte Wild aus dem Walde kam?
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Ich wollte Dir auch noch schreiben, daß die Braut des jungen Zollinger Doris Wenke heißt und aus Frankfurt a/M. Bornheimer Landstraße stammt. Das klingt nach einer ganz soliden Gegend.
Hier in der Peterstraße geht es noch stiller zu als früher, seit der Dr. Nitsche in Amerika ist. Die Schwester ist wenig zu Haus, hat regelmäßig Besuch, den ich für einen Intimus halte. Zwischen uns ist Isolierschicht, und es gibt selten Kurzschluß, denn ich rege mich nicht mehr auf, und sie ist freundlich, weil sie öfter eine Gefälligkeit haben möchte.
Es kommt mir vor, als wäre schon eine Ewigkeit seit Deiner Durchreise vergangen, und ich hätte gern eine Nachricht von Deinem Befinden. Ich denke so dankbar an Dein Hiererscheinen im Fluge, aber ich empfand auch die Anstrengung und Hetzerei für Dich. Wird das nicht auch am 24. eine rechte Strapaze für Dich sein, und ließe sich das nicht irgendwie vermeiden? Wenn Du <li. Rand> wenigstens schon am Abend vorher kämst oder bis Montag früh bliebst? <Kopf> Pension Rodrian ist doch ganz erträglich.
<li. Rand S. 3> Ich grüße Dich innig, und bestelle auch Grüße an Susanne und Ida.
<li. Rand S. 2>
Dein gedenkend bei allem, was ich tue
Deine Käthe.