Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Februar 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10. Februar 1952.
Mein liebes Herz!
Draußen fällt lautlos der Schnee ununterbrochen und er liegt bereits über 5 cm hoch, aber überall im Begriff zu schmelzen. Wird das einen Schlamm geben! Ich habe schon völlig die Lust verloren, auszugehen, vor allem nicht, wo es bergab geht! Ob es in 14 Tagen noch so sein wird? Dann bin ich für einen guten Kaffee in der St. Peterstr. Aber außerdem kommen mir immer wieder Bedenken, ob es nicht für Dich, Du Lieber, eine zu große Strapaze wird mit der vielen Bahnfahrt für so wenige Stunden! Aus diesem Grunde wäre ich fähig, den Termin meines 80. zu verschieben auf einen Zeitpunkt, der Dir bequemer und
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| weniger anstrengend wäre, wie gerade jetzt am Semesterende. Wenn das etwa im Stillen Dein Wunsch sein sollte, so wäre es lieb von Dir, es mir zu sagen. Ich würde es ohne Kummer ertragen, denn so oder so bin ich ja Deiner Nähe gewiß. –
Ich hoffe, der Vortrag "aus deiner Studienzeit" ist auch schriftlich zugänglich, – was meinst Du? Etwa zum 25.! Das wäre sehr schön. Mein Rückerinnern in letzter Zeit war [über der Zeile] weniger von Humor durchsetzt, wenn auch keineswegs sentimental. Auch das Gefühl der "Kündigung" hat mir eher etwas Befeuerndes, das mich antreibt, möglichst noch allerlei Wichtiges zu ordnen. Nur die große Ermüdbarkeit ist mir lästig und ärgerlich, obgleich ich vollkommen einsehe, daß ich in gesundheitlicher Beziehung nur Grund zur Dankbarkeit habe. Eigentlich sogar beinah
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| zu viel Grund, denn es ist nicht mein Wunsch, etwa 90 zu werden!
Ich denke Deiner Kant-Vorlesung, die jetzt sechs Stunden die Ethik zum Inhalt hat. Ich wollte, ich könnte dabei sein. Denn der Laie macht doch die erste Bekanntschaft mit ihr gewöhnlich in dem Sinne von Schillers Distichon, und nur das Leben selbst, lehrt ihn den wahren Sinn zu verstehen. Ich habe mir das "Kant-Brevier" vorgesucht, das – höchst wahrscheinlich von Dir – seit 1909 in meinem Bücherschrank ein ziemlich müßiges Dasein führt.
Du erwähnst die Frage der Unterbringung von der alten Frau Buttmi in einer Anstalt. Die wurde in den letzten Tagen ernstlich erwogen. Aber nachdem erst der Mann sich nicht dazu entschließen konnte, aus Pietät, obgleich er selbst bei der Pflege ziemlich versagte, so ist jetzt die Schwiegertochter dagegen. Sie meint,
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| es jetzt durchhalten zu können, da die alte Frau bettlägerig ist. Sie sagte mir, sie habe noch nie ausgewichen und versagt, sie wolle das auch jetzt nicht. Mir kommt das wie ein falscher Ehrgeiz vor, denn das Ende ist noch garnicht abzusehen, und sie hat doch gegen Mann und Tochter auch Pflichten, die entschieden zu kurz kommen. Es wäre anders, wenn die Patientin noch die persönliche Fürsorge empfände, aber sie ist durchaus feindselig. –  –  –
Wie kommt es eigentlich, daß Ihr im ersten Stock Schnee fegen müßt? Hier ist es Sache des Hauswirts oder des Parterres. Daß es in Alpirsbach jetzt nach Wunsch geht, ist wirklich erfreulich. Das scheint doch jetzt dauerhaft zu sein. — Ich hatte einen hübschen Tag bei Fräulein Mathy, die mir am 25. helfen will, einen Kaffeeklatsch zu arrangieren. So wird die Sache am kürzesten und weniger anstrengend. Allem aus dem Wege zu gehen war mir entgegen. Aber der 24. gehört mir allein, wenn Du ihn mir schenken willst.
<li. Rand S. 4>
Ich grüße Dich von Herzen, und grüße auch die Andern! Deine Käthe.