Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24./26. Februar 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24.II.1952
Mein liebes Herz!
Jetzt bist Du vermutlich daheim angekommen und wirst hoffentlich bald zur Ruhe gehen. Post kann ja heut nicht gekommen sein, also war gewiß nichts, was Dich gestört hätte. – Als Dein Zug aus der Halle fuhr, ging ich nochmal an die Fahrkartensperre und fand rasch den abgeplatzten Handschuhknopf, hatte guten Anschluß mit der Elektrischen, lud mir Gundel Buttmi noch für morgen ein, sodaß ich also 7 Gäste erwarte (Mathy, Hecht, Heinrich, 2 Buttmi, Kohler, Hanne Héraucourt Seidel) und setze mich dann zu Haus still an den Tisch, um die bereits eingetroffenen Briefe zu lesen. Es war in mir solch schöner Nachklang des heutigen Tages, solch harmonische Gewißheit von jenem Wissen, das jenseits aller Worte ist. Habe Dank! Denn Du bist es, durch den ich dieses Glück fand.
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| Es waren sehr schöne, liebe Briefe – von Susanne und Mädi, die mich sehr verschieden bewegten, für mich persönlich sehr wohltuend, die Nachrichten aber nur von Susanne gut. Bei Mädi hat der jüngste Sohn, (eben schulpflichtig) eine schwere Operation mit verschleppter Blinddarmentzündung gerade noch überstanden, liegt noch im Krankenhaus. –  –
Dann klingelt es zweimal, vor der Tür steht eine fremde Frau und sagt, sie hätte einen Auftrag für mich. Ich nötige sie auf einen Stuhl, und sie erzählt, es wäre ein junges Mädchen auf einem Motorrad zweimal im Haus gewesen, und habe ihr gesagt, sie wolle zu mir und mir – eine Torte bringen! Sie kenne mich nur von Sehen, [über der Zeile] (die Frau) denn sie wohnt schräg gegenüber und da habe sie angeboten, die Torte pünktlich zu mir zu bringen. Jetzt habe sie nur sehen wollen, ob ich da wäre, sie brächte sie gleich. Es war eine ältere Frau und so
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| erklärte ich, ich werde gleich mitkommen und die Torte abholen. Sie wehrte erst ab, aber dann willigte sie ein und ich ging mit ihr aus dem Haus. Da tastete sie sich so sonderbar am Haus und ich glaubte, da sie eine Brille trug, sie sei wohl in der Dunkelheit unsicher. Ich bot ihr an, sie zu führen und das ging auch für einige Schritte, aber dann steuerte sie immer direkt rechts um die Ecke, fing an zu stolpern und riß mich mit auf dem Boden. Das ging nicht heftig, es war mehr ein Zusammenbrechen. Aber ihr Gewicht war nicht für mich zu halten. Zum Glück kamen gerade vier junge Mädchen, die hilfsbereit zugriffen und auch noch zwei junge Männer zu Hilfe riefen, sie konnten aber [über der Zeile] die Frau die direktionslos widerstrebte kaum vorwärts bringen. Es kam dann aber eine Bekannte von ihr, die mehr Erfahrung hatte als ich und energisch mit zugreifen konnte, sodaß die Frau liegend getragen wurde und so brachten wir sie in ihre Wohnung, und ins Bett. Sie hat Mann und Sohn, der erstere war <bricht ab>

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26.II.52.
Mein liebes Herz! Eigentlich hatte ich gestern den Brief abschließen wollen, aber dazu kam es nicht. Aber es verlief dann alles sehr hübsch und harmonisch. Vormittags half Frau Petri das Zimmer herrichten und um 2 Uhr kam Frl. Mathy und besorgte mit mir alles für den Kaffeetisch. Sehr pünktlich kam Gertrud Kohler, die geschickte Hausfrau, und schnitt kunstgerecht die Kuchen, alle waren zur Zeit da und es war ein hübsches Zusammensein. Es waren so viel der Gaben gekommen, daß ich am Fenster den Tisch zur Aufstellung einrichten mußte: Eine prachtvolle Azalee von Frau Biermann!, eine Schale mit Hyanzinte, Tulpen etc. von Drechslers, Rosen u. Wein von Heinrichs, und sonst noch von allen Seiten Lebensmittel und Schokolade und Keks – als wenn es bis nächstes Jahr ausreichen sollte. Im ganzen 5 Flaschen mit Alkohol! und viel schöne Blumen. Auch vormittags kamen einige unerwartete
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| Gratulanten, Frau Mehner und Hanni Popp, und heute noch Elsbeth Gunzert und Frau Dr. Blesgen, sowie Frau Lang, eine Freundin von Drechslers, die dabei mit Rührung an den 80. Geburtstag der alten Frau Drechslers dachte, den wir hier im Haus zusammen erlebten.
Verzeih, mein liebes Herz, wenn ich Deine Zeit mit so unwichtigen Dingen in Anspruch nehme; aber ich wollte Dir so gern berichten, wie es hier zuging. Alles war so erfreulich für mich gestern und heut, und manche Unzulänglichkeit im Äußeren wurde liebenswürdig übersehen. – Auch mancherlei Postsachen kamen heute noch, sodaß ich etwa 30 zähle. Davon ist besonders lieb eine sehr herzliche Zuschrift von Frau Maria Held, die schönes Gebäck und ein Gedenkblatt ihres gefallenen Sohnes mit der Reproduktion eines schönen Gemäldes von seiner Hand. Das ist der Bruder, an dessen Tod sich die Krankheit unsrer kleinen Held schloß.
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Heut war ich nun noch bei der an meinem Arm erkrankten Frau und fand sie recht kümmerlich im Bett, betreut von einem recht geschwätzigen Gatten. Morgen kommt sie ins Josefs-Haus, das ist mir lieb.
Und nun steht über all der wechselnden Unruhe der beiden Tage, gestern und heut, wieder der Sonntag mir vor der Seele, der mir solch friedvolle Ruhe und freudige Kraft gab. Möchte er doch auch für Dich wohltuend und erholsam gewesen sein! Der 25. war trübe, von der Sonnenfinsternis habe ich mit Sicherheit nichts bemerkt, es schien mir nur zeitweise etwas dämmerig zu werden. Heut gab es wieder Sonne und für heute nacht gibt es Frost.
Es wären noch mancherlei Einzelheiten, von denen ich Dir gern berichten würde, aber es war wohl schon mehr als genug für Dich, mein Liebling. Sehr betrübt bin ich über einen Brief von Hermanns Tochter Irmgard, die die Multiple Sklerose hat. Auch der Mann ist krank, und das Unternehmen, in dem er arbeitete, ist bankrott. Ihr selbst geht es
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| besser, und sie sprach auch jetzt persönlich den Dr. Evers, der jetzt gern genaue Auskunft über den Fall meiner Schwester haben will, wegen: Erblichkeit? Ich werde auch über Annchen Malcus schreiben.
Ja, schreiben! Da verstehe ich jetzt voll und ganz Deine Scheu vor den vielen Gratulationen. Jede einzelne ist eine mehr oder weniger große Freude, aber das Antworten en masse ist furchtbar.
Sage Susanne doch, wie sehr sie mich erfreut hat, aber sie soll ein bisschen Geduld mit mir haben! Auch Ida, bitte, danke in meinem Name!
Und Du, mein Einziger, fühle mit mir den Inhalt dieser langen Jahre gemeinsamen Lebens, und laß sie Dir freudige Gewißheit sein und bleiben.
Deine
Käthe.