Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. März 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9.III.52.
Mein liebes Herz!
Habe Dank für Deine liebe Karte vom 6.III. aus Liebenzell, die ich schon sehnlich erwartete. Denn meine Gedanken hatten Dich mit rechter Sorge begleitet und ich wäre froh gewesen, wenn Du diesen kurzen Erholungsaufenthalt wenigstens über den Sonntag ausgedehnt hättest. Wie nötig er war, habe ich nur zu deutlich gespürt und es wäre sicher für Dich besser gewesen, wenn Du die Rückreise von Bonn nicht meinetwegen noch unterbrochen hättest. Für mich war es ja schön, daß Du kamst; aber bei der knappen Zeit konnte es nicht zu der stillen Gelöstheit des Zusammenseins kommen, die immer so beglückend weiterwirkt. Das Wetter war auch hier in den 3 Tagen
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| ähnlich. Liebenzell scheint hübsch und waldig gelegen; war dort auch der Schnee schon fort?
Du fragst nach der Zeichnung, die ich am 4. ablieferte; notgedrungen, aber nicht damit zufrieden. Jetzt wird noch die Kritik des Autors abgewartet. – Die ganze Sache kam mir recht ungelegen, denn die mancherlei Eindrücke, die der 25.II. brachte, hatten mich doch etwas mitgenommen, und ich bin hinterher sowohl zu Frl. Dr. Clauß, als zum Augenarzt gegangen, wobei keine Krankheit konstatiert worden ist, aber ein Toniazol zur Stärkung, und eine braune Flüssigkeit zum Einträufeln verordnet wurde. Beides wird gebraucht, aber am heilsamsten ist die Ruhe, die ich mir weitgehend gönne. Ich kann fabelhaft viel schlafen und so hoffe ich, mich wieder zu "restaurieren". – Nun steht der Berg der zu beantwortenden Post vor mir. Die Karte
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| an Ida sagte Dir, daß ich noch lebe, und damit machte ich mir wenigstens die Bahn frei zu einem Gruß an Dich. Denn in Gedanken schrieb ich Dir täglich, und zu anderem kam es nicht. Nur mündlich, hier am Ort habe ich einige Schulden abgetragen, und längst fällige Besuche gemacht. Sehr hübsch war ein kleiner Kaffee mit Frau Franz und Fräulein Specht. Es ist immer eine besondere Freude, wenn man spürt, daß die Leute zu einander passen, und sich wohl bei einem fühlen. So war es auch am 25. – Dann war ich in Kirchheim bei Steidels, woher die Schokoladentorte kam, und wo die eben erwachsene Tochter mir so gefällt. Sie war gerade im Stall beschäftigt, die neuen Schweinchen, die eben das Licht der Welt erblickten, zu betreuen. Das war ein fabelhaftes Zappeln und Quieken in dem Korb voll rosiger Glieder.
Die Frau, die die Torte mir gebracht hatte, habe
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| ich im Josefshaus besucht, wo sie befriedigt bei guter Pflege schien. Ihr Zustand sei leicht gebessert. – In Handschuhsheim ging ich zu einer Frau Lang, die ich von Drechslers geerbt habe und die mir mit Blumen und Kakao sehr liebenswürdig gratulierte. Bei ihr erfuhr ich nun daß der Besuch, der jetzt so regelmäßig 2–3mal [über der Zeile] in der Woche, zu Trudel kommt, derselbe Freund von früher ist, der sich ihr wieder genähert hat. Möge es für beide zum Guten sein. Trudel ist zu mir noch immer natürlich und aufgeschlossen, wie andre Leute. – Am Donnerstagabend kommt regelmäßig Frl. Reinhard, was immer ganz belebt ist, und Norbert Matussek ist zum Skilaufen in Oberstdorf. – Gestern war ich mit Frau Buttmi in der Stadt, wo wir für mich 3 Schnapsgläser kauften!, welchen Wunsch ich auf ihr dringendes Bohren äußerte, da ich nur ein einziges besaß und einen Likör ge
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|schenkt bekam. So werden wir diese [über der Zeile] mit Gundel nächster Tage mal abends zusammen einweihen.
Heute nun komme ich vom Wahllokal, wo ich wieder FDP wählte, denn ich weiß es nicht besser. Die Eindrücke, die ich von den verschiedenen Wahlreden erfuhr (Adenauer und Carlo Schmid) waren sehr widersprechend. Ich habe mich nicht zum Besuch der Versammlungen entschließen können; wäre auch nicht klüger dabei geworden.
– Auch bei Héraucourts am Ende der Welt war ich. Das ist da draußen solch echte, dürftige Vorstadt-Atmosphäre, das Haus noch völlig unfertig. Aber sie sind froh über die getrennten Schlafzimmer und haben nun auch wieder ihren Besitz greifbar um sich. Heute sind sie zur Taufe einer kleinen Lotte in der Pfalz.
Mein lieber Liebling, ich genieße es so, daß ich jetzt mal nichts "unbedingt" muß! Die Briefschulden mahnen natürlich, aber ich tröste mich noch mit der täglichen guten Absicht. Ich weiß, Du wirst das "mißbilligen". Aber
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| werde Du mal erst 80, dann wirst Du es gewiß verstehen. Ich kann nicht mehr hasten, denn dann gibt es Confusion.
Ach, wenn ich Dir doch den Druck der Überlastung etwas erleichtern könnte! Aber ich glaube, da kann man sich nur selbst befreien. Und Du hast es doch immer verstanden, Kräfte und Pflichten so zu verteilen, daß es ein tragbares Gleichgewicht ergab.
Es war heut ein milder, sonniger Tag; und ich hoffe, er hat Euch auch in Tübingen ins Freie gelockt. Ich habe mich mit dem Widerschein der Wand gegenüber begnügt, wie die armen schönen Blumen, die noch wohlerhalten am Fenster stehen. Auch mein zehnjähriges Alpenveilchen entfaltet gerade seine erste Blütenknospe von 12 weiteren in Bereitschaft. –
Wer weiß, ob Du Zeit und Geduld für dies viele Geschreibsel hast! Aber fühle nur daraus, wie ich bei allem täglichen Kleinkram in Liebe Dein gedenke.
Deine
Käthe.