Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. März 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16.III.52.
Mein liebes Herz!
Welch große, unerwartete Freude war mir Dein lieber Brief! Gleich, eine Stunde nach Empfang, war das Zimmer bestellt, und es wurde Dir als gutem Bekannten freudig zugesagt. Sollte wider Erwarten kein Einzelzimmer geräumt sein, würdest Du wohl mit einem Doppelzimmer vorlieb nehmen. – Ich konnte das so schnell erledigen (bei Rodrian's), weil ich im Begriff gewesen war, in der Städt. Krankenkasse mein Brillenrezept abstempeln zu lassen.
Ganz besonders erfreut war ich auch über den so zufriedenen Ton Deines Briefes, da ich den Eindruck Deiner Abgespanntheit bei der Rückkehr von Bonn garnicht abschütteln konnte. — Allerdings war da auch wieder
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| ein Zwischenfall mit dem revoltierenden Organismus! Komischerweise hatte mich etwas Ähnliches in die Sprechstunde von Frl. Dr. Clauß geführt. Auch bei mir gings spurlos vorüber. Aber die Redewendung Deines lieben Onkels Ernst lag auch mir im Sinn.
Also am 30.III. darf mir der Nachmittag und Abend gehören. Am 31. wird jedenfalls die Dauer der Sitzung unberechenbar sein.
Wie Du auf die Vermutung kommst, daß Aenne am 25.III. hier eintreffen werde, ist merkwürdig. Es grenzt an Hellsehen, ist aber wohl durch die Beziehung auf den 25.II. erklärt. Aber tatsächlich erfuhr ich am 14. als Du schriebst, erst selbst, daß meine Schwester vom 19.III./17.04 bis 25. oder 26. bei mir sein will. – Es waren auch da mal wieder Komplikationen, da Hermann sich beteiligen wollte und ich Verlangen hatte, mal
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| mit Aenne allein zu sein; denn Du weißt ja, wie schwer ich "aus mir heraus" gehe und die 10 Jahre der Trennung wollen überbrückt sein. Ich bin nun noch im Ungewissen, wie Hermann reagieren wird. – Und damit nicht genug, hatte ich mit der netten Bauersfrau in Kirchheim, die mir in den knappen Zeiten so treu geholfen hatte, verabredet, daß sie mich mit der allerliebsten Tochter am 30. besuchen wolle. Das habe ich nun mündlich und friedlich mit ihr auf den Palmsonntag verschoben. – Wenn ich nun den Kalender prüfe – was kann ich zwischen dem 26.III. und dem 4.IV. Frau Biermann vorschlagen, die für einen Tag herkommen, mit mir irgendwo mittagessen und dann Greifswalder Freunde (Schönfeld, vermutlich Dermatologe) besuchen will? Wie soll ich ihr verheimlichen, daß Du am 30. hier bist und was bliebe dann für mich, wenn sie käme!?
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Es geht eben nichts glatt, und es ist immer so, als ob das Schicksal mit der einen Hand gibt, was es mit der andern wieder nehmen will. – Ich bin da noch ratlos, denn der Besuch von Frau Biermann würde mich sehr freuen, und ich möchte sie keinesfalls kränken. Aber ich werde doch wohl schreiben, daß meine Zeit bis Ostern schon besetzt ist. Dich sieht sie ja im April, wie geplant war. – Alle Leute empfehlen mir immer Ruhe, aber wo ich sie haben möchte, mit Dir, da wird sie immer bedroht.
Eine kleine Bresche in den Damm der Briefschulden ist jetzt wenigstens geschlagen. Morgen wird es damit hoffentlich weiter gehen, daß ich nicht mehr so bedrückt bin, wenn Aenne kommt. Und jetzt bringe ich noch rasch das Erledigte zur Post, und diesen Brief dazu, der doch leichteren Herzens geschrieben ist, als der letzte Stoßseufzer. Grüße herzlich, und sei selbst sehr innig gegrüßt von
Deiner Käthe.