Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. April 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14.IV.52.
Mein liebes Herz!
Ich wußte es ja, daß pünktlich zum Fest Dein lieber Brief eintreffen würde und ich danke Dir innig dafür. Inzwischen hat mir dann noch die Karte von Susanne gesagt, daß Ihr das mit solcher Heftigkeit einsetzende schöne Wetter zu einem größeren Ausflug benutzt habt. Und von Dir erfuhr ich, was Euch die Feiertage für Gäste bringen würden. Bei mir ist alles sehr ereignislos verlaufen, nur am 1. Feiertag hatte ich einen sehr hübschen Besuch von Maria Buttmi, jetzt Frau Baake mit ihrem Mann, die zur großen Freude der Eltern endlich mal von Hamburg für einige Tage herkommen konnten. Auch ihr Leben ist die übliche Hetzjagd der Arbeit, aber sie sind jung und froh, sodaß man Freude an ihnen hat.
Am 9.IV. scheuchte mich der Postbote sehr unerwünscht aus dem Mittagsschlaf: ein Telegramm!
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| Du weißt, das erschreckt immer zunächst, und dann war es die Ankündigung der Durchreise von der Tochter Gustav Schwalbes, Ada v. Negelein, die mich mal um Schriften von Dir anpumpen wollte. Ich erfuhr also nach 3 Uhr, daß sie 16.58–17.20 auf dem Bahnhof wäre. Natürlich war ich erst abgeneigt, aber da ich ja noch Zeit genug hatte, fuhr ich doch zur Stadt und es war dann ganz nett, daß man sich doch einmal persönlich sah. – Nach ihrer Abreise traf ich Frau Buttmi an der Anlage und beschloß mit ihr zu Fuß nachhaus zu gehen. Am Eingang des Friedhofs wurden wir auf einen Seitenweg gewiesen und sahen von dort gerade den Trauerzug mit dem Sarge des Oberbürgermeisters, nachher an der Halle noch die Überfülle der Blumen und Kränze. Die Diener sammelten schon die Schleifen und Widmungen. Es ist ein enormer Aufwand gewesen, auch seitenweise Anzeigen und Nachrufe in der Zeitung. Dabei hört man die Frage, wieviel davon wohl ehrlich empfunden ist? – Wie undankbar ist doch das Wirken in der Öffentlichkeit u. Politik!
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Ich hatte gedacht die Ostertage viel auf dem Balkon zuzubringen, von wo man die Entwicklung der dichten Obstbäume in den Gärten stündlich verfolgen konnte. Aber gestern hatte ich morgens im Hause zu tun und nachmittags war Trudel mit Herrn Schröder zum Kaffee dort. Heut aber hat sie den schmalen Raum mit ihrem Liegestuhl gänzlich ausgefüllt. So bin ich bei offnem Fenster in meiner stillen Klause geblieben, habe ein wenig Briefe geschrieben und viel – geschlafen. Denn die untergründige Gewitterneigung liegt mir auf den Nerven.
Abends habe ich mich öfters mit der Schrift von Maria Dorer über Berlin beschäftigt. Wahrscheinlich war sie s. Z. als Studentin dort auch Deine Schülerin geworden.? – Ich habe mir den alten Stadtplan und was ich sonst an "Diesbezüglichem" habe, vorgeholt, und manche frühen Eindrücke wachen dabei auf. Im Ganzen aber bleibt das Gefühl des Unwiederbringlichen, vor allem auch deswegen, weil ich selbst meine Heimat nur so ganz von außen
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| erlebte und nun keine Vertiefung mehr möglich ist. Am wenigsten kommt wohl bei M. D. der Charakter des Berliners zur Geltung, dieses gefühlswarmen, schnodderigen Menschen. Gleichzeitig kam mir jetzt ein Buch zu über Alt-Frankfurt, von Sophie Eckardt, Prof. phil., die hier eine Buchhandlung hatte und in der Frauenbewegung bekannt ist. Das ist weniger Stadt- als Familiengeschichte.
Nachher will ich diesen Gruß noch an die Post bringen, damit er Mittwoch bei Dir ist. Und am Donnerstag hoffe ich Euch ja zu sehen! Bis dahin überlege Dir doch mal in einer stillen Viertelstunde [über der Zeile] wie wir den 23. und den nächsten Vormittag verbringen wollen. Am Dienstag hoffe ich, essen wir abends in der Peterstraße, und am Mittwoch hatte ich bei gutem Wetter auf einen Weg im Neckartal gerechnet in irgend ein ländliches Lokal. Aber Susanne schreibt von "gemeinsamem Mittagessen" und ich hatte an einen gemeinsamen Kaffee vor Deiner Abreise gedacht.
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| Also: Wie kannst Du da zweckmäßig disponieren?
Du dachtest ja, mir noch von Tübingen die Bestellung bei Rodrian anzugeben. Wenn ich morgen in die Stadt kommen sollte, werde ich auf alle Fälle mal anfragen, ob Platz ist.
Was Du von den Halsschmerzen schreibst, erinnert mich an einen chronischen Rachenkatarrh, mit dem ich in meiner Münchener Zeit geplagt war, und der damals in Kassel mit Thermorauter behandelt wurde. Jedenfalls ging es schließlich vorüber. Ich glaube nach einer etwas kräftigen Behandlung. – Augenblicklich klagen hier überhaupt alle Leute über Katarrh oder Halsschmerzen, schlechtes Gedächtnis und Müdigkeit –  – wenn doch die wenigen Ferientage Dir gesundheitlich wohltun möchten!
Nun also: auf gutes Wiedersehen! Grüße an Susanne und Ida – und Dir viel Liebes
von
Deiner
Käthe.

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Habe ich Dir eigentlich geschrieben, daß in Tutzing ein zweites Töchterchen angekommen ist? Du weißt ja, daß ich mich da nur sehr bedingt freuen kann!
Auf dem Balkon und im Garten ist schon alles mit losen weißen Blütenblättchen überstreut! Der Frühling, der so lange zögerte, wird rasch vorüber sein.