Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Mai 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Mai 1952
Mein liebes Herz!
Es war meine Absicht, heut vormittag Dir ein Lebenszeichen zu schicken, und nun kommt auch noch Dein lieber, kleiner Brief, der Veranlassung zu einer unmittelbaren Antwort gibt. Soll es ein Glückwunsch sein? Ich glaube, Du weißt, wie ich denke: Es freut mich, daß man endlich diese schuldige Anerkennung auch für Dich angebracht gefunden hat, aber es bleibt mir eine Äußerlichkeit neben dem tiefen Bewußtsein Deiner Bedeutung. Wohl jagt die Zeit jetzt überwiegend nach solchen Erfolgen des Augenblicks, aber wir leben ja doch seit (– mehr – als) 50 Jahren den bleibenden Werten, für
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| die auch Dein schöner Essener Vortrag von neuem die Augen öffnen will.
Vielleicht neige ich meiner Natur nach zu ausschließlich zu dieser inneren Welt, und es war vielleicht eine Mahnung in symbolischer Form, daß auf einmal alle meine Uhren versagten, damit ich merke, ganz im Zeitlosen darf man sich nicht verlieren.
Und doch ist es so schön, sich über die kalte Realität mal leichtsinnig fortzusetzen. Als ich bei Deiner Abreise noch vom Bahnsteig aus den Zug mit Deinem Wagen den Bogen nach Süden wenden sah, war so viel Sonne von Deiner lieben Gegenwart in mir, daß ich nicht in mein kaltes Zimmer zurückwollte! Eine gesellschaftliche Schuld gegen Frl. Seidel veranlaßte mich, sie aufzusuchen
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| und ich fand sie sehr bereit, zu einer Verabredung. Um ½ 11 Uhr gingen wir durch den kühlen Grund, um am Bierhelder Hof ein Mittagessen zu suchen. Er hatte Betriebsruhe! Da mußte ein Kaffee mit Kuchen am Speyerershof genügen. – Der Aufweg war beschwerlich durch heftigen Wind, der Aufenthalt am Speyerer warm und ausgiebig. Von dort gingen wir den breiten Weg, der Dir von 1903 her wohlbekannt ist, bis zu einer Kreuzung, die rechts aufwärts ging. Und da kamen wir auf eine freie Halde mit wundervollem Ausblick nach allen Seiten. Unter uns die Stadt, in deren Gassen noch eben das Leben zu erkennen war, die Ebene draußen mit den ziehenden Wolkenschatten und die Berge der Pfalz alle einzeln im fernen Duft. Auch der Donnersberg, den wir von Hattenheim aus von Norden sehen. – Da haben wir
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| lange am Wegrand bei Sonne in der hohen, wohltuenden Luft gesessen und es war nichts Störendes um uns. Wie sehr ich Dir eine solche Stunde gewünscht hätte, das wirst Du fühlen.
Leider hast Du garnichts Entsprechendes vom Verlauf Deines Tages zu berichten! Ob der Treifelberg Erfreuliches bringen wird?
Bei mir war inzwischen die kleine Held, lebhafter, natürlicher, aber doch sehr labil.
Ich wünsche Dir rechte Befriedigung in allem, was Dir wichtig ist, und Gelassenheit im Unerfreulichen.
Ob dieser Brief noch morgen bei Dir sein wird? Vielleicht erst am Sonntag abends! Auf alle Fälle sind meine treuen Wünsche immer um Dich. Susanne und Ida grüße herzlich.
In innigem Gedenken und dankbar für Dein Hiersein und Dein Schreiben
Deine
Käthe.