Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. Mai 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Mai 1952.
Mein liebes Herz!
Gestern auf dem Balkon schrieb ich Dir einen längeren Brief, der aber "bei Lichte besehen", d. h. abends nachdem die große Schwüle des Tages überwunden war, mir so kümmerlich erschien, daß ich ihn kassierte. Aber ich möchte doch gern einen Gruß schicken, also versuche ichs heut nochmals. Ich glaube ja, daß mein letzter Brief mit dem Nachklang Deiner Gegenwart recht deplacirt war in all der Unruhe, die Dich umgab. Ich hätte Dir so gern Anteil gegeben an der wundervollen Ruhestunde hoch über der Welt, die ich wie eine neue Kräftigung empfand. – Ob Dir das Zusammensein mit den jungen Menschen auf dem Traifelberg eine gleiche Wohltat war? Wie sehr wünsche ich es! Denn das ist die Form, in der Dir am gewissesten das Echo entgegen
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| klingt, das Dein geistiger Einfluß auslöst. Aber in der Stille beschäftigt mich doch auch der Gedanke, wie wohl der feierliche Akt der Ordensüberreichung vor sich ging? Wie gern ließe ich mir das von Dir persönlich erzählen, wie ich in letzter Zeit doch öfters persönlich von Deinen Erlebnissen Bericht erhielt!
Als der Orden gestiftet wurde, erschien er mir recht unnötig, in einer Zeit ohne eine höhere allgemeine Autorität, die der Verleihung auch entsprechenden Nachdruck geben könnte. Aber da es nun einmal Brauch ist, bin ich zufrieden, daß man Dir diese Absicht der Ehrung bekundete, wenn man auch damit Deiner Bedeutung nichts hinzu tun kann. Aber es kommt auf die begleitenden Umstände an, von denen ich innig hoffe, daß sie Dich erfreuten. Und Deine Schüler, denen Äußerlichkeiten sicher noch imponieren, werden sehr stolz auf ihren Lehrer sein!
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Ich bin jetzt mit meinen Gedanken wieder zu Fröbel zurückgekehrt, der trotz der eignen Verworrenheit solch lang dauernde Folgen auslöste. – Und dann beschäftigt mich Deine Goetherede. Wird Deine Mahnung zur Selbstbesinnung Erfolg haben? Wird sie überhaupt verstanden? Hat nicht Goethe selbst die Entwicklung zur Maschine hin verhängnisvoll angesehen? Wie soll man das Menschentum in dieser technischen Welt lebendig erhalten? – Vielleicht haben gerade wir eine besonders bedrohte Epoche zu erleben, die sich in rasendem Tempo erschöpft. Es muß ja auch wieder ein Ausgleich kommen, und dazu kann man nicht eindringlicher aufrufen als durch solche Darstellung der das volle Leben umfassenden Gestaltungskraft des großen Dichters. –  – Ich habe mir auch das "Märchen" gesucht, das ich auf Deinen Rat bei den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter fand. Es schillert in wunderbar bedeutungsvollen Bildern, aber es will mir nicht scheinen, als ob es sich
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| auf reale Ereignisse bezöge, sondern auf immer gegenwärtige Lebenskräfte.
Den Vortrag schicke ich nächster Tage, heut soll nur noch dieser Brief fort, um Dir zu sagen, daß ich doch im Herzen recht befriedigt bin, daß dies Verdienstkreuz den Willen der Anerkennung bekundet. Und so sei mit entsprechendem Respekt gegrüßt, und laß mich womöglich recht viel Gutes von Dir hören, denn mir scheint die Zeit seit Deiner Abreise schon recht lang.
Auch an Susanne und Ida bestelle Grüße, und laß es Dir so gut, wie irgend möglich gehen. Es grüßt Dich innig
Deine
Käthe.