Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Mai 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Mai 1952.
Mein liebes Herz,
eigentlich sollte diese Karte schon seit Tagen an Susanne gehen, als Antwort auf ihre vom 12.5. und als Erinnerung an unsern Weg mit Blick ins Neckartal. Nun gib sie ihr, bitte, mit herzlichem Gruß und Dank von mir. Die Goetherede habe ich als eingeschriebenen Brief sofort an die Adresse in Bielefeld aufgegeben, zur Rücksendung nach Tübingen. – Heut aber nach einem sonnigen Nachmittag auf Buttmis (Geburtstagskaffee) Balkon habe ich das dringende Verlangen, Dir mal wieder ein paar Worte zu schreiben. Es kostet ja nicht viel Zeit, sie zu lesen und sie bedürfen keiner Antwort, sie sind auch inhaltslos, bis auf das Eine, was Dir aus jedem Brief von mir entgegen klingt.
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Du hattest mir vorgerechnet, wie alle Sonntage nach Deinem Hiersein durch Verpflichtungen besetzt sein würden. Ich weiß nicht, ob das auch für heute noch galt, aber ich beklagte es in Gedanken, denn es war ein wundervoller Tag mit wolkenlosem Himmel, milder Wärme und leichtem Wind. Denn ich fühle lebhaft, wie das Verdienst-Kreuz Dich wie ein Verhängnis belastet. Gab es je Zeiten einer ungetrübten Freude? z. B. den Ruf nach Leipzig? Oder sind es immer nur vorüberhuschende Augenblicke gewesen? Das Dunkel, von dem sie sich abheben, wird immer finsterer, und ist nicht, trotz allem, das Leben lebenswert? Dabei stehe ich mehr denn je im Eindruck meiner Unzulänglichkeit. Aber ich habe mir trotz der theoretischen Einsicht, daß das Leben heute nicht mehr gestattet, alt zu werden, vorgenommen, auf dieses Recht der Natur zu pochen, und suche
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| mein Vorhaben den Fähigkeiten und Kräften anzupassen. Im Hintergrund steht da allerdings der Wunsch, daß eine Zeit der Schonung zu einer erneuten Energie führen wird. Aber vorläufig ist es noch ein tageweises Schwanken auf und ab. Es ist mir immer tröstlich, wenn weit jüngere Menschen über die gleichen Erschöpfungen klagen und man sie mit den Schwankungen der Elektrizität in der Luft begründet. Die sind ja hier bekanntlich besonders fühlbar.
Durch Vermittlung von Hedwig Mathy las ich in der Frankf. Allgem. Zeitung einen kleinen Artikel gelegentlich Deiner Ordensverleihung, mal aus einer andren Tonart als sonst, von politischem Blickpunkt. Sonst verlautet hier nichts davon.
Bei Héraucourts hat Hanne eine neue Stellung angefangen, was aber bei der gleichzeitigen Pflege des kleinen Kindes viel zu viel für ihre Kräfte ist. Es ist ein ungünstiges
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| Zusammentreffen, aber ich fürchte, dadurch kommt sie nicht zu der richtigen Einsicht, wie weit ihre Kräfte überhaupt wieder zu beruflicher Tätigkeit ausreichen. Und jeder neue Fehlschlag wird sie doppelt zurückbringen.
Überall sonst ist Hochbetrieb. Zu Pfingsten soll großer Heimattag hier in Rohrbach stattfinden, davor graut mir schon. Und so geht es ständig weiter. —
Für abends habe ich den Goetheband draußen behalten und das Ende von Wilhelm Meister mal wieder gelesen. Ist der "Fluß" im Märchen vielleicht das Meer, das uns von Amerika trennt? Der Erzähler sagt ja selbst, daß man [über der Zeile] an nichts und an alles dadurch erinnert wird. Diese spielende Phantasie hat wirklich etwas Märchenhaftes, Bezauberndes.
Doch Du siehst, ich bin schrecklich müde. So will ich schlafen gehen, und Dir vielleicht im Traum begegnen. Sei innig gegrüßt, laß es Dir möglichst gut gehen und grüße auch Susanne und Ida von mir.
Deine
Käthe.