Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23./25. Mai 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23. Mai 1952
Mein liebes Herz!
Hoffentlich ist dieser Brief noch morgen bei Dir, um die beiden Bilder rasch wieder zu Dir zu bringen! Ich danke Dir sehr für die Übersendung und überhaupt für den lieben Brief, der mir so eingehende, und gute Nachrichten von Deinem Ergehen brachte. Es freut mich, daß der Staatspräsident einen so würdigen Abgang von seinem Amt hatte, wie man auf dem Bilde sieht, und wie die offizielle Gegenwart der anderen Herren zeigt – (im Gegensatz zu dem andern mit[über der Zeile] rück-geschickten Bild). – Die ganze Tatsache hat bei mir ein ernstes Nachdenken angeregt über meine so problematischen Gefühle gegen die augenblickliche Regierung. Vaterland und Staat
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| wollen sich nicht decken. Ist es bei mir ein sentimentales Festhalten am Vergangenen? Ist der Anfang des Neuen verheißungsvoll? Wenn man keine Sachkenntnis hat wie ich, dann bleibt alles gefühlsmäßig. Und das Gefühl sagt mir [über der Zeile] nur, daß z. B. diese Amtshandlung eine Deiner Leistung entsprechende Würdigung und einfach notwendig war.
Wie seltsam muß den jungen Studenten Dein Rückblick auf das alte Kaisertum erschienen sein; können doch auch die Badener sich nur noch wenig an den würdigen, alten Großherzog erinnern, und wie stand es mit dem Königtum in Württemberg? Darüber habe ich nie etwas von persönlicher Verehrung gehört?

Sonntag, 25.V. Verzeih, daß der Anfang liegen blieb, weil ich allerlei Nebensächliches zu tun hatte; dazwischen auch ein paar Stunden die
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| kleine Enkelin bei Héraucourt's zu hüten hatte, denn die Großmutter mußte irgendwo in der Stadt Möbel besichtigen, ob etwas von den ihr geraubten dabei wäre. Sie hofft noch immer auf den Bücherschrank, den sie als junges Ehepaar anschafften, aber natürlich ist das was jetzt übrig blieb nur altes Gerümpel. Hanne ist von früh bis 6 Uhr in Stellung beim Chemie-Verlag, der sich hier neu etabliert, und hofft, daß es von Dauer ist und sie selbst die Kraft behält. – Und eine ähnlich hoffnungsvolle Nachricht kommt von Hermann, daß Dieter es als Heimarzt im Kurheim Wernberg versucht; das wäre ja wirklich die Entlastung von einer großen Sorge.
Aber an der kleinen Lotte bei Héraucourt's hatte ich eine so innige Freude, daß ich richtig Sehnsucht nach ihr habe. Sie ist durchaus nicht mit jedem so freundlich, und ganz wunderbar war die Wirkung, als sie anfing, Hunger zu
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| bekommen und alles Zureden und auch das gewohnte Lutschfingerchen nicht mehr helfen wollte, wie [über der Zeile] da das ganz gleichmäßige leise Singen sie beruhigte. Sie war sofort ganz verändert, wie bezaubert – von meinem Gesang!!
Wie mag wohl die plötzliche Kälte auf Dich gewirkt haben? Mich macht sie sehr müde. Ihr hattet schon die Eisheiligen für überwunden gehalten, aber sie nehmen es mit dem Datum nicht so genau wie Du in Deiner Gewissenhaftigkeit. Es ist ja enorm, was Du in Deinem Arbeitstag unterbringen mußt. Aber es war diesmal doch auch viel Erfreuliches dabei und das strahlt wohltuend auch in meine stille Existenz.
In ganz realem Sinne wird durch Dich mir die Freude vom Besuch der Frau Biermann, die sich sehr liebenswürdig angemeldet hat.x [li. Rand] x und zwar für Mittwoch 11.06 Ob wohl Holzhausens inzwischen von sich hören ließen? – Daß ich nach Susannes Anweisung den Goethe-Vortrag nach Bielefeld schickte, schrieb
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| ich ja schon. Aber ich habe ihn gleich recht vermißt, da ich bei Wilhelm Meister den einigenden Sinn allein so schwer finde. Und da ich in dem Goetheband mit dem Märchen auch den Schluß von W. M. fand, habe ich mich auch wieder an den Anfang gemacht, denn das tut not.
Sehr interressant [über der Zeile] ! wäre mir der Vortrag über die Heuneburg gewesen. Ist die nicht irgendwo im Hessischen? Wurden da wohl auch kultische Spuren gefunden? Ich habe in Weber's Weltgeschichte nachgelesen, daß im 5. Jahrhundert [über der Zeile] Mittel-Europa unter der Herrschaft der Hunnen vernichtet wurde. Wie verständnislos habe ich das in der Schule gehört! Dann kam das Christentum mit Feuer und Schwert. So verlaufen die Erdepochen ohne Rücksicht auf das Einzelleben und [über der Zeile] doch ist jedem Menschen die Kraft der Mitgestaltung gegeben. Immer
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| sind es Einzelne, in denen die ewige Lebensfülle weiter wirkt und bildend schafft. Das ist in dem kleinen Artikel in der F.A.Z. für Dich so fein zum Ausdruck gekommen, und erklärt, weshalb neben aller persönlichen Wirksamkeit von Mensch zu Mensch auch der gegenwärtige Staat Ursache hat, Dir Dankbarkeit zu erweisen. Möchte sich diese reiche Aussaat ungestört entfalten können!
Wie bedeutungsvoll der gegenwärtige Augenblick da für uns ist, fühlen wir wohl alle. Auch da heißt es mal wieder: glauben und vertrauen.
Wie seltsam ist es doch immer mit Fröbel. Der Kindergarten, den er geschaffen hat, ist eine Selbstverständlichkeit, aber von dem Schöpfer weiß niemand etwas, und man lehnt auch die Form der Gestaltung ab als pedantisch und gekünstelt. Hier hat sich Herr Buttmi an mich gewendet, der für
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| die offizielle Schulfeier Stoff für das Thema sucht. Ich bin begierig, was dabei herauskommt, wenn er sich mit Deiner Schrift und den Briefen an die Frauen in Keilhau beschäftigt. Du weißt ja, daß zwischen uns nicht viel Kontakt ist.
Einen netten Brief hatte ich von Walter, und ich bin auch froh, daß jetzt die Grabangelegenheit zwischen uns erledigt ist. Er hat noblerweise die Kosten für die gärtnerische Neuanlage ganz übernommen, und auf einen Grabstein, wie er anfangs vorschlug, haben wir im Namen aller Angehörigen verzichtet. Ich wäre ja eigentlich am meisten verpflichtet, die ich, seit ich überhaupt denken kann, mit Großmutter und Tante in Lebensgemeinschaft war, und ich hätte es gern getan, wie Du weißt. Aber seine Vorschläge für die Herrichtung gingen in Dimensionen, die der Zeit nicht entsprachen. Und das
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| Nächste, die notwendige Ordnung und Bepflanzung unterblieb nun jahrelang über allem Verhandeln. Jetzt endlich geschah, was ich mir wünschte, und ich kann die jährliche Pflege beim Gärtner übernehmen.
Ein trüber Sonntag hat nicht viel Regen gebracht, der doch allgemein sehr ersehnt wird. Man kann ohne Heizung nicht still zu Haus sitzen, und ich habe auch Himmelfahrt und heute Feuer gehabt. Die Natur ist aber schon weiter als normal, die Rosen sind in voller Blüte, als ob sie es garnicht abwarten könnten. Ich dagegen bin von einer sträflichen Langsamkeit und die größte Wohltat ist mir der Schlaf. Wohin soll das führen? Ob ich noch einmal etwas mehr Elan bekomme?
Jetzt will ich diesen Brief in die Hauptpost bringen und zurück über den Friedhof gehen, um an die Luft zu kommen. – Bald will ich auch mal an Susanne schreiben. Grüße sie herzlich und auch Ida. In stetem einseitigen <li. Rand> Gespräch mit Dir die innigsten Wünsche von Deiner Käthe.