Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Juni 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Juni 1952.
Mein liebes Herz!
Vorhin habe ich in der Stadt einen Brief an Susanne eingesteckt, jetzt sitze ich auf dem Balkon, da Trudel Nitsche mit ihrem Besuch fort ist und freue mich des stillen Abends. – Deine liebe Karte hat mich wieder sehr erfreut, denn solch ein Zeichen des Gedenkens aus all der Unruhe heraus, die Dich umgibt, ist doch doppelt schön. – Bei mir war die zweite Hälfte der letzten Woche ganz von der Schneiderei in Anspruch genommen, denn es lag mir doch viel daran, daß die Arbeit gut ausfiele. Nun glaube ich wirklich, daß es Deinen Beifall haben wird. Meine Beschäftigung dabei war auf Angabe meiner Wünsche und kritische Begutachtung beschränkt, sonst nur auf Beschaffung des Essens. Es war insofern nicht schwer, als Frl. Frank sehr liebenswürdig und geschickt ist.
Innerlich aber war ich eigentlich nur bei Euch in Tübingen. Ich bin ja, wie Du weißt,
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| nicht abhängig von Äußerlichkeiten, aber dies Zusammentreffen, diese Steigerung äußerer Ehrungen ist doch etwas, das ich wie eine Weihe empfinde. Alles hat eine so persönliche verständnisvolle Form, daß Du damit auch äußerlich in den geistigen Kreis gestellt erscheinst, in den Du von je gehörst. Das tut mir wohl.
Daneben aber in krassem Gegensatz ist die Sorge um Berlin und meine Schwester. Ich habe einen Brief vom 28.5., mit dem Gedenken an den 3. Juni., sonst auch wie immer tapfer und zuversichtlich – : "solange sie die Ostzone nicht völlig abschneiden."
Aber das ist ja nun geschehen! – Ich kann leider solch frohen Optimismus nicht aufbringen, tadele mich wegen meiner Kassandraanlage, aber sie hat sich auch schon häufig als nur zu berechtigt erwiesen. Umso tiefer bin ich dankbar für alles, was das Schicksal uns gewährte.
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Von Hermann kam die Nachricht, daß er in der Ev. Akademie, Bad Boll, einen Vortrag über die Jugendlektüre von 1912 halten soll, und damit einen Abstecher nach hier verbinden will. Eigentlich habe ich die Zeit bis zum 27. gern für mich haben wollen, aber der Unglücksmensch hat nun mal [über der Zeile] immer das Pech, bei mir keinen günstigen Moment zu treffen, und das möchte ich ihn unter keinen Umständen fühlen lassen. Wir reden wohl noch am 12. davon!
Und so vertröste ich mich in allem auf dies Wiedersehen und schicke Euch heut noch herzliche Grüße. Bleibe gesund und innerlich frohen Mutes; ich denke, es ist doch eine Erleichterung, daß Du den Fröbelvortrag in Sicherheit hast.
Also: auf Wiedersehen am 12.6.!
Deine
Käthe.