Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. Juni 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Juni 1952.
Mein liebes Herz!
In wenigen Tagen werde ich zwar das Vergnügen haben, Dich wieder mal durchreisen zu sehen, aber ich muß doch trotzdem das übliche Plauderstündchen auf dem Papier mit Dir halten. Wenn nicht täglich diese entsetzliche Schwüle herrschte, könnte es hier auf dem Küchenbalkon recht angenehm sein. Auch gestern, am Sonntag, war der Himmel freundlich, und ich wünschte im stillen, daß Ihr, trotz aller drängenden Arbeit, irgendwo ins Freie kommen konntet. Ich habe die Ruhe, meist schlafend!, genossen, und nur einen sehr unwichtigen Brief recht mühsam zustande gebracht. – In Gedanken war ich noch bei der Enttäuschung, die ich durch Deine Ablehnung meines Wunsches nach einer Teilnahme an Deiner Festrede für Fröbel recht schmerzlich empfand. Ich wäre Dir
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| ganz gewiß nicht störend geworden, hätte nur gern unbemerkt, auf einem stillen Plätzchen einmal Deine Wirkung in der Öffentlichkeit miterlebt. Der Wunsch ist wohl nicht unnatürlich und nicht sehr unbescheiden, und so dringend in mir, daß ich an die Möglichkeit dachte – falls Du mir am Freitag die persönliche Erlaubnis schriftlich geben würdest, – mit Frl. Ingold, der Gewerbelehrerin, die an den Buttmischen Leseabenden teilnimmt, doch zu fahren. Nun verlautet es aber, daß der Vortrag schon sehr früh stattfinden werde, und — der Plan von Frl. I. ist durchkreuzt, da sie beruflich verhindert wird. Und so, mein liebes Herz, ist die ganze Sache, die mich tagelang mit für und wider beschäftigt hat, erledigt. Und ich tröste mich mit Deinem lieben Wort: "ich komme zu Dir." – Du weißt wohl, was mir das ist, und wie ganz tief ich auch einzuschätzen weiß, was es bei all den Ansprüchen bedeutet, die an Deine Zeit gestellt werden.
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Heut bekam ich zwei große Briefe, die mich recht beschäftigen: von meiner Schwester und von Mädi. Die Berliner sorgen sich sehr um Tochter und Enkelkinder auf Rügen. Mit Hilde in Buch hat der Verkehr keine Schwierigkeit. Die S-Bahn fährt, nur Telefon ist gesperrt. Überhaupt ist vorläufig Ostzone und Ostsektor was anderes. – Auch Lili war mit ihrer ältesten Tochter noch in Berlin wegen Blinddarm-Verdacht, was aber nicht bedrohlich war. Sie mußte nur ihren Ausweis stempeln lassen, da die 5 km. Sperrzone die ganze Küste entlang geht. – Du kannst Dir denken, was es heißt, die Mutter mit den 4 Kindern dort allein und schutzlos zu wissen.
Auch Mädi hat von Sorgen um den Ältesten zu berichten und das würde ich sehr gern mal mit Dir besprechen können. Ich habe gerade in diesen Tagen so lebhaft daran gedacht, daß ein Bruder meiner Mutter s. z. wegen jugendlicher Verfehlungen nach Amerika abgeschoben wurde und
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| dort ein tüchtiger Buchhändler und Familienvater wurde. Für den Heinz Pramann kann man wohl auch nur hoffen, daß er eine Krise und gesunde Entwicklung vor sich habe. Was mir Mädi jetzt über ihn schreibt, ist recht deprimierend.
Aber im Augenblick will ich Dich damit nicht behelligen. Du hast ja das Bild des Jungen gesehen, der merkwürdig unentwickelt und verschlafen aussieht. —
Schrieb ich schon, daß Bertha v. A. in Sicht ist? Sie hat sich bei mir und bei Frau Heilmann-Landfried angemeldet und zwar für anfang Juli, ja 8–10 Tage. Frau Buttmi will ihr das Fremdenstübchen vermieten. Es ist mir angenehm, das gibt ein wenig Distanz, denn sonst wird es anstrengend. Nun ist als Nächster Hermann dran, vom 24.VI. 20Uhr – 26. etwa 12./ Dann wird es für Dich schon recht belebt zugehen. Laß Dir das Feiern nur mit möglichster Ruhe gefallen. Es ist wirklich ehrlich verdient.
Nun also auf Wiedersehen am 20. / 11.57!
Grüße Susanne herzlich. In stetem Gedenken
Deine
Käthe.