Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. Juli 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. Juli 1952
Mein liebes Herz,
beseelt von einer grenzenlosen Faulheit möchte ich Dir doch wenigstens durch einen kurzen Gruß ein Zeichen des Gedenkens geben. Immer wieder habe ich mich an Deinen lieben Zeilen vom 27. erbaut, dankbar und gerührt über diesen liebevollen Eilbrief, der mir ganz unerwartet schnell kam, nach all den vielen freudigen Anstrengungen Deiner Festtage.
Jetzt hast Du hoffentlich eine Form gefunden, die Dankesschulden dieser Zeit dem Gefühl und den Kräften entsprechend abzutragen, wenn freilich nicht alles so schnell zu erledigen ist.
Vielleicht täusche ich mich, wenn ich meine, daß in diesen Tagen auch noch eine wichtige
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| Entscheidung zu treffen ist, und es hat sich vorläufig noch hinausgeschoben?
Was aber das ganz Persönliche anbetrifft, so hat sich durch die kleine Christiane Dir eine unmittelbare Berührung mit kindlicher Psychologie aufgetan, die Dir manches Glück bringen wird. Und so beginne das neue Jahrzehnt verheißungsvoll!
Hier steht alles unter dem Druck ungewöhnlicher Hitze. Ich kann in das allgemeine lamento nicht einstimmen, denn da ich nicht zu irgend welchen Anstrengungen genötigt bin, kann [über der Zeile] ich bei offenen Türen und Fenster in stets bewegter Luft ein ganz erträgliches Leben führen. Ich spiele mit dem Gedanken, mich für ein paar Tage bei Kohlers anzumelden, wo ich schon lebhaft eingeladen war. Aber es wird wohl bei dem stillen Wunsch bleiben, weil die Energie zur
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| Initiative fehlt. Vielleicht gewinne ich hier jemand zu Tagesausflügen auf den Königstuhl, denn da oben soll es wohltuend kühl sein. Bertha v. A. stand ja für den 5.VII. bei Heilmanns in Aussicht. –
Mit Bedauern denke ich an Susanne, die doch Hitze so schlecht vertragen kann. Ihr habt dort doch keine Bergbahn, mit der man in leichtere Luft entfliehen kann, und der Neckar ist nicht von Schiffen belebt. Wie schön war es doch auf den Havelseen! Ich denke an die Sommer-sonntags-ausflüge mit meinem Vater, für die er trotz der ständigen Praxisfahrten doch immer Zeit und Stimmung hatte!
Heut ist mir klar geworden, daß ich mal wieder recht schlecht orientiert war. Eine Äußerung von Gundel Buttmi, daß sie keine Vorlesungen mehr besuche, ließ mich vermuten, daß das Semester im Aufhören sei, und daß
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| man auch im fleißigen Tübingen bald Schluß machen werde. Nun ists aber eine Privatarbeit, die Gundel vorhat und die ihren Vorlesungsbesuch verhindert und der offizielle Schluß ist erst am Monatsende. – Möge Dir altem Berliner die ungewöhnliche Wärme gesundheitlich gut bekommen und Deine Hörer nicht lahm werden! Wenn Du mal eine Karte schreiben könntest, wäre ich sehr dankbar; denn hier ist alles so in Auflösung, daß man in etwas besorgte Stimmung kommt.
Dieser Zettel ist keine 22 < altes Pfennigzeichen> wert, ich weiß! Aber wo soll in dieser Gasse voll Radiogedudel, Geschwätz von Balkon zu Balkon, Kindergequerr und Autogepuff ein vernünftiger Gedanke herkommen. – Meine Zuflucht sind die kleinen Bände von 1829: "Aus meinem Leben .." 8. u. 9. Buch etc. – wie immer wieder neu und gehaltvoll! Könnte ich nur gleich auch mit Dir darüber reden! Schone Deine Kräfte bei dieser Temperatur, und grüße Susanne u. Ida herzlich. – Mit dem kühlen Abendwind und dem goldenen Mond grüßt <li. Rand> Dich Deine Käthe.