Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3./5. August 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg, 3. August 1952
Mein liebes Herz!
Seit gestern abend kann ich Dich also in Freudenstadt denken, und das hebt meine Stimmung bedeutend. Das Wetter ist zwar nicht wolkenlos, aber doch überwiegend gutartig und so hoffe ich, daß Du zunächst mehr auf Bänken Ruhe und die kräftige Luft genießt. Möge Dir auch unerwünschter Besuch fern bleiben! – Bei mir war schon eine Anfrage nach Eurer Reisezeit von Maria Dorer, aber ich habe vorgeschützt, keinen genauen Termin zu kennen. Sie ist im Bärental von 3.–15., wie sie mir schreibt. Ich genieße augenblicklich Besuchslosigkeit. Aber am Freitag war ich mit Hedwig Mathy vom Königstuhl, oberhalb am Kohlhof vorbei an der Waldgrenze mit dem schönen Blick bei der Posselslust, an der Tulpenbaumallee,
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| (die Dir dies Grußblättchen schickt) und von Drei Eichen den schönen Weg gegen Rohrbach hinunter über die freie Halde, wo der einzelne Baum mit der Bank darunter steht. Dort müssen wir auch einmal wieder hin – oder bin ich jetzt ganz ausgeschaltet?
Daß Bertha holterdipolter fortkam, schrieb ich wohl schon. Es war diesmal leider recht unergiebig, vermutlich hauptsächlich durch meine Schuld. Aber sie hat einigermaßen Ersatz durch musikalische Beziehungen gehabt. – Ich bin nach ihrer Abreise zu Frl. Dr. Clauß gegangen, die mir gegen Magenverstimmung infolge der Hitze und schlechtem Brot ein Chinintränkchen Retochinal und Herztabletten Cordovasin verschrieb. Auch ihre Augentropfen sind wohltuender als sie immer der Spezialist verschreibt. Kurz, der kümmerliche Rest wird wieder zusammengeflickt.
Von Kohlers habe ich auf meine Anfrage noch
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| keine Antwort und so habe ich Walter gebeten, sich zu entscheiden und mir möglichst bald Nachricht zu geben. Die Ungewißheit ist immer dasjenige, was die Nerven besonders reizt.
Es ist 11 Uhr, und ich hoffe, Du schläfst schon! Genieße nur recht ausgiebig und mit Fleiß die schwer verdiente Freiheit! Gute Nacht!

– 5. August. Gestern nahm ich teil an der Kirschenernte im Mathyschen Garten, und heut konnte ich ein paar Gläser davon einkochen. Aber sonst bin ich garnicht tatendurstig, sondern wenn ich mich mit einem Buch in den grünen Lehnstuhl setze, schlafe ich immer über der Lektüre ein. – Aber etwas, das ich schon eine Weile leihweise habe und mit wachem Interesse las, ist der Artikel von Prof. Hugo Busch in der Berufsbildenden Schule. Das ist durch die mancherlei Citate die persönlichste Darstellung Deines Wesens und Wirkens. Jetzt aber wünsche ich Dir, daß Du von allen Anrufen und Anliegen
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| in Frieden gelassen werdest.
Bei Hedwig M. sah ich gestern eine hübsche Ansichtskarte von Freudenstadt, die ihre Schwester, Frau Reg.Rat Franz und ihre Tochter Gretel, die Klavierlehrerin, schickte. Aber so recht deutlich ist mir der Stadtplan doch nicht mehr. Es ist zu lange her!
Hier ist ein betäubender Verkehr in der Stadt, und es gibt viel Unterhaltung; Musik und Theater im Schloßhof: Die Jungfrau v. O. und Sommernachtstraum. Man könnte meinen, es wäre nichts in der Welt als Frieden und Freude. – Auf dem Bismarckplatz stehen jetzt zwei Verkehrsschutzleute in erhöhten Ständern und sorgen für eine gewisse Ordnung. Aber man ist immer froh, wenn man nicht zu Fuß da vorbei muß. – Laßt es Euch wohl sein in der schönen Natur und vergeßt alle gehabte Mühe über dem vielen Schönen, was dieser Sommer brachte. Mit vielen guten Wünschen grüßt Dich innig
Deine
Käthe.