Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11./12. August 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. August 52.
Mein liebes Herz!
Heut morgen um 9.49 ist Walter abgereist und nun denke ich allerlei Liegengebliebenes aufzuarbeiten. Aber zunächst sollen einige Briefe an die Reihe kommen, die schon lange fällig sind, und da bist Du natürlich der Erste, der dran kommt.
Das Zusammensein in den drei Tagen war ganz erfreulich, aber er ist immer wie ein Pulverfaß, das nur auf den zündenden Funken wartet. Überhaupt ist er immer geladen mit Negation. Aber ich war gewitzigt durch die kürzliche Erfahrung mit Bertha und es gelang mir ohne Konflikte durchzukommen. So waren wir beide befriedigt bei seiner Abreise.
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| Gestern haben wir noch den dies Jahr üblichen Weg vom Königstuhl gemacht bei recht günstigem, etwas bedecktem Himmel, und so hatte auch die Natur ganz andre Bilder, wie auch das Sonntagspublikum alles anders belebte. Mir ist es immer eine besondere Wohltat, mal aus der drückenden Luft im Tal heraus zu kommen.
Aber heut ist es wieder sehr arg damit und ich habe fast jeden zweiten Tag irgend etwas in der Stadt zu tun.
Deine lieben Karten haben meinem Herzen wohlgetan; besonders die zweite, die von besserem Befinden meldete. Bei mir ist, wie auch Frl. Dr. sagt, keine eigentliche eigentliche Krankheit festzustellen. Aber ich empfand ein völliges Versagen der Nerven, das allerlei äußere und innere Ursachen hatte. Ihr verständnisvolles Eingehen auf meinen Zustand und
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| das Chininsäftchen, sowie die minimale Digitalisdosis haben entschieden günstig gewirkt. Ich wachte vorher jedes Nacht mit Beklemmung und Herzklopfen auf, und das ist nun vorbei, obgleich ich mit dem Einnehmen sehr sparsam bin.
Aber es gibt auch immer mal wieder irgend einen plötzlichen Schrecken, der meist unbegründet ist, aber auf mangelnder Geistesgegenwart beruht. So glaubte ich vorgestern 50 M auf rätselhafte Weise verloren zu haben, und nach langem erfolglosen Grübeln stellte sich heraus, daß ich einen 100 M-Schein für 50 gerechnet hatte! Aber das Schlimme dabei ist, daß es mir meine Altersschwäche so kraß zum Bewußtsein bringt. Da nützt es nicht, daß alle mich trösten, das passiere auch Jüngeren.
Also am 16. müßt Ihr wieder zu Haus sein, aber Du gibst keinen Grund dafür an. Ich bedaure natürlich diese knappe Erholungszeit,
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| denn Du hast so viel Kräfte aufzuholen.

12.8. Weiter reichte es gestern abend nicht, und nachdem ich mich zum Ausruhen auf den grünen Lehnstuhl gesetzt hatte, schlief ich ein!! Heute ist Ostwind wie die eine, und Südwind wie die andre Wetterfahne sagt, also keine Aussicht auf Abkühlung und ich habe Einkäufe in der Stadt zu machen. Das ist immer ein schwerer Entschluß.
Ich hätte Dir sehr viel zu sagen, aber wann? Zu ausführlichem Schreiben bin ich zu müde, und Du sicherlich auch nicht gestimmt zu lesen. Wie gut kann ich begreifen, daß Du nun nichts mehr von alledem hören willst.
Darum will ich Dich nur mit stillen Gedanken und Wünschen auf den bekannten Wegen begleiten und Euch herzlich grüßen.
Immer
Deine
Käthe.