Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. August 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 23.VIII.52.
Mein liebes Herz!
Wenigstens einige Zeilen muß ich Dir in die Mainau schicken, wenn Du auch keine Zeit zum Lesen haben wirst. Ich muß Dir danken für Deine lieben Zeilen von vorgestern, die mir endlich Klarheit gaben über manches Unbegreifliche, das mich seit vielen Wochen beständig quälte. Wenn wir je Zeit gehabt hätten zu einer Aussprache, wäre es für mich besser gewesen und dann hätte ich auch meinen letzten Brief nicht geschrieben. Es tut mir leid, daß er Dich etwas verstimmte, aber ich habe die stille Hoffnung, daß nun mit dieser Äußerung von beiden Seiten die leise Spannung sich auflöste. Es kann ja nie
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| in meiner Absicht liegen, Dich auch nur im geringsten zu kränken, das, meine ich, weißt Du. Aber ich habe in dieser Zeit der "wohlbedachten" Absperrung sehr gelitten und hatte sie so ohne jede Erklärung Deinerseits einfach nicht verstanden. Das war keine Methode, mir Ruhe zu verschaffen, denn über diesen Punkt sind wir wohl nicht ganz einig. Aber ich verstehe jetzt, wie alles zusammenhängt, und das wird mir wieder Ruhe geben. Dafür danke ich Dir von Herzen und ebenso Dank für die Geldsendung, die mich eigentlich erschreckte, als wäre sie die Antwort auf eine mißverstandene Erzählung meiner konfusen Rechenkünste. – Daß Du Dir nach der nicht unerwarteten Anstrengung der Geburtstagsgratulationen gleich wieder so reichliche Pflichten aufgeladen hast, bekümmert mich ernstlich. Geht das nun bis zum Semesterbeginn
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| so weiter? Und wirst Du denn die Vorlesungen tatsächlich wieder übernehmen?
Ich verstehe sehr gut, daß Du nicht Zeit und Ruhe hast und hattest, mir viel zu schreiben. Aber Du mußt auch verstehen, wie schwer es ist, so ins Unbestimmte ausgeschaltet zu sein, wenn man mit jedem Gedanken, jedem innigen Gefühl bei dem geliebten Menschen ist. Und dabei verlangte man hier mein Interesse nach allen möglichen Seiten – auch meist ins Unbestimmte im voraus. Gerade das ungewisse Warten ist so nervenzermürbend.
Sorge mir, mein lieber Goldener, für klare Bestimmungen im voraus, und Du wirst mich unbegrenzt geduldig finden. Aber das fühlte ich wohl, daß Du überhaupt
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| keine Zeit hattest, an mich und meine Verlassenheit zu denken. Ich will Dich ganz gewiß nicht irgendwie zu etwas veranlassen, was nicht freiwillig ist, aber ich bitte Dich zu verstehen, daß ich hier den Gemütsanforderungen versagte, da doch meine ganze Seele – woanders war. Und so war ich auf dem besten Wege, an mir selbst zu verzweifeln. Da hat es mir wohlgetan, daß Frl. Dr. Clauß mich bei der Consultation so ernst nahm, obgleich ja physisch nichts eigentlich nachweisbar ist.
Und nun, mein liebes Herz, habe auch Du Geduld mit mir, und laß uns im Vertrauen auf die Liebe, die nimmer aufhört, durchhalten, auch ohne ein Treffen am 31.
Mit den innigsten Wünschen für Dein Ergehen, immer
Deine Käthe.

[li. Rand] Es werden dort viel Erinnerungsstätten um dich sein!