Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28./29. August 1952 (Heidelberg)


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<in der li. Ecke klebt eine getrocknete Blüte oder Pflanze>
Heidelberg. 28. August 52
Mein liebes Herz!
Das war eine sehr große, überraschende Freude, als gestern Dein lieber Brief von der Mainau kam. Es scheint dort weniger anstrengend gewesen zu sein, als Du erwartet hast, aber auch weniger anregend. Ich könnte mir denken, daß wohl die Schwierigkeit der sprachlichen Verständigung die freie Bewegung des Austausches hinderte. Und es ist doch gerade die klare, scharfe Entwicklung des Gedankens, die Deiner Rede die überzeugende Kraft und den Zwang zum eignen Mitdenken gibt. Es täte mir sehr leid, wenn Du vom
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| Resultat der tagelangen Mühe nicht ganz befriedigt sein solltest. – Die Natur war verschleiert! In Gedanken habe ich Dich auf den verschiedenen Wegen mit ganzem Herzen begleitet: die Gegend zwischen Allensbach (Enzian am ersten Kreuzweg!) und der Brücke mit dem Kruzifix, dann St. Kathrin und das Häuschen an der Landestelle, wo die Lebensformenkorrekturen stattfanden, die erbeutete Kanone mit dem ausschlüpfenden Maikäfer, – und beim nächsten Besuch der eingezäunte Touristenweg, wie im Zoo, – beim Schloß die gute, alte Großherzogin in der Ferne – alles ist noch mit lebendiger Wirkung in mir. Hoffentlich war diesmal der See nicht stürmisch, wenigstens riskiertest Du
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| dabei keine Bootsfahrt, wie wir damals nach Überlingen! Hier ist viel lebhafter Wind und wechselnde Sonne. Alles klagt trotzdem über drückende Luft. – Gestern hatte ich einen hübschen Nachmittag bei Mehners mit Elisabeth Vetter (der Wahrsagerschen!) die per Flugzeug aus der Ostzone kam. Sie hatte auch allerlei von dort zu berichten, was recht bedrückend ist. – Es gab dort [über der Zeile] bei Mehners – sehr guten Kaffee, und er belebte mich so, daß ich mich wohl fühlte wie lange nicht. Aber heut kam natürlich der Rückschlag, und alle Lust zur Arbeit ist wieder vorbei. – Meine häusliche Freiheit hat heut wieder aufgehört mit der Rückkehr von Trudel. Aber sie ist vergnügt und so hoffe ich das Beste. Gestern abend war noch die Cousine bei mir, die
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| von Trudels Reise nichts wußte und sie bei einem kurzen Aufenthalt hier, besuchen wollte. Es ist schade, daß diese Rita Hoffmann nicht die Inhaberin der Wohnung ist.
– Vor kurzem habe ich mal wieder im Verlag Deine Päd. Persp. geholt und dabei beinah Herrn Schmeil kennen gelernt. Er erfuhr telefonisch von meiner Anwesenheit, und bedauerte, mich nicht begrüßen zu können, da er in seiner Wohnung war. Ich hatte garnicht nach ihm gefragt; wozu soll ich ihn behelligen. Ich kenne ja solche [über der Zeile] unnötige Situation durch Dich. – Für ihn entsteht ja kein Schade, wenn er mir das Buch billiger gibt! Ich will es Otto Kohler schenken.
Ja: Kohlers! Von denen habe ich auf meine Anfrage überhaupt keine Antwort erhalten! So etwas übersteigt natürlich alle
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| Begriffe, die Du und die bis zu einem gewissen Grade auch ich habe von Verkehr und Briefwechsel. Aber bei ihnen ist so etwas in aller Freundschaft möglich. Da ist gerade keine Karte im Haus – da denkt jeder, –der andre wird schreiben, – es kommt etwas dazwischen und es ist vergessen. Mir aber wäre damals ein kurzer Aufenthalt da oben eine Befreiung für Nerven und Seele gewesen. Von Rösel hörte ich seitdem, daß Kohlers Krankheit und sonstige Schwierigkeiten in der Familie hatten.
Inzwischen bin ich nun auch ohne Luftveränderung wieder Herr über die inneren Schwierigkeiten geworden, teils aus gutem Willen und Einsicht,
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| teils durch die getreuen "Kurzberichte" die Du mir immer wieder gabst. Ganz besonders lieb ist wieder dieser letzte Brief, in dem ich viel zwischen den Zeilen lese von Schonung und versöhnlichem Willen mit meiner ungeduldigen Sehnsucht.
Nun bist Du wieder in Tübingen an der Arbeit für einen Vortrag. Worüber, für welches Publikum? Ich weiß ja, daß ich auch, wenn Du mir diese Fragen beantwortest, noch kein wirkliches Bild von der Sache habe; aber ich weiß dann doch in welchem Gebiet Deine Gedanken sich bewegen.
Ist es auf der Mainau mit irgend wem aus dem buntgemischten Publikum zu einer persönlichen Berührung gekommen?
Was Du mit dem Spaziergang auf dem
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| Leichenstein meinst, das verstehe ich nicht. Meinst Du die deutsche Erde dort, auf der wir voller Zukunftshoffnungen glücklich waren? Mir scheinen sie über Erwarten erfüllt zu sein; und die Hoffnung bleibt.

29.VIII. Wenn zum 31. ein Gruß von mir bei Dir sein soll, muß er schon heute fort, und so kommt er zu früh an. Aber die Gedanken werden zur rechten Zeit bei Dir sein voller Dankbarkeit und Liebe. Wenn ich unter der äußeren Veränderung unsres Verkehrs mehr leide, als Du ahnst, so glaube mir, daß das durch das unzerstörbare Glück der inneren Gewißheit mehr als aufgewogen ist. Ich hatte diesmal wohl nicht die Kraft, so ganz auf eigne Wünsche zu verzichten, und das war inkonsequent. Denn ich hatte ja schon, als ich den ersten Brief an Dich schrieb, das klare Bewußtsein:
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| Ich darf das nur, wenn ich nichts für mich will. Das habe ich nach meiner Überzeugung auch durchgeführt, und es ist meinem Leben ein unermeßlicher Reichtum daraus erwachsen. So ist der ewige Widerspruch des irdischen Lebens. Und man hofft doch immer wieder, zu einem inneren Ausgleich zu kommen. Auch zwischen uns, mein lieber Einziger, und das ist nicht schwer, weil mein Herz unter allen Umständen immer Deine Partei nimmt.
In diesem Geiste laß uns den seltsamen Gedenktag freudig und in stillem Einverständnis feiern. Ich grüße Dich mit den innigsten Wünschen für Deine Gesundheit und Arbeitskraft, für Deine Entschlüsse und Zuversicht. Ich danke Dir für den beglückenden Sinn, den Du meinem Leben geschenkt hast.
Deine
Käthe.