Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. September 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Sept. 1952
Mein liebes Herz!
Ob Du ohne zu große Ermüdung heimgekehrt bist und recht befriedigt von dem Erfolg Deiner liebevollen Bereitwilligkeit herzukommen? Für mich jedenfalls hat sie gewirkt wie der lange ersehnte Regen für das vertrocknete Land und ich denke voll inniger Dankbarkeit an die stillen Stunden des freundlichen Beisammenseins. Es gab nur etwas, das mich mit stiller Sorge erfüllte, das war die große Ängstlichkeit, mit der Du um die rechtzeitige Innehaltung der Abfahrtszeit bedacht warst. Es ist mir ein schmerzliches Zeichen für die beständig drängende Hast Deines Lebens. Wenn es doch eine Möglichkeit gäbe, Dir solche nervöse Unruhe abzunehmen! Du wirst
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| sagen: statt dessen quälst Du mich noch mit unnötigen Ansprüchen! Aber das kann ich nicht gelten lassen. Denn ich bin Dir doch durch wunderbare Bestimmung anverwandt, und der Wunsch nach einer irgendwie ermöglichten Begegnung in dieser so bedeutungsvollen Zeit war wohl nur selbstverständlich. Es gibt wohl auch einen Grad der Selbstlosigkeit, der das Ich auszulöschen droht. – Darum, mein einziger Freund, war es gut, daß ich Dir meine Not klagte, und daß Du ihr so liebevoll ein Ende machtest. Es war nicht die Genugtuung durch all die Ehrungen, die ich mit Dir teilen wollte, es war der Widerhall der echten Verehrung, die man Dir in so reichem Maße darbrachte, die ich in Deinem Wesen spüren wollte. Und bei alledem fühle ich mit heimlichem Erstaunen: so habe ich Dich von Anbeginn
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| erkannt, schon am 31. August 1903.
Heut fing der Tag sonniger an als gestern, aber gleich nach Mittag gab es ein Gewitter. So haben wir es doch günstiger getroffen. Aber abends, als ich noch kein Licht angezündet hatte, kam die Schwester von Frau Heinrich und nach einer zögernden Einleitung sagte sie mir, daß ihr Schwager in der Nacht für immer eingeschlafen sei. Das traf mich doch recht plötzlich, denn ich wußte nichts von einer besonderen Erkrankung. Schonungsbedürftig war er schon länger. Sie erzählte noch, daß er nach einem tiefen Aufatmen ganz ruhig entschlafen sei. Sie gönnen ihm diesen leichten Abschied vom Leben; aber für die Frau, die nur noch für die Sorge um ihn existiert hat, wird es unendlich schwer sein. — Auch mir geht es nahe, obgleich unser Verkehr nicht
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| so innerlich war wie mit Schoeppfers. Man steht in Ehrfurcht vor dem großen Geheimnis.
Sehr gern male ich mir aus, daß der mühelose kleine Ausflug ins Neckartal Dir doch ein wenig Erholung gewährt hat.
Den großen Briefumschlag habe ich heute vorgenommen und zunächst nach den Autoren der Aufsätze durchgesehen. Gelesen habe ich bis jetzt nur den Artikel von Wenke, mit wahrer Freude. – Warum denkt man denn nicht daran Wenke zu berufen an Deine Stelle? Oder ist sein Gebiet dann wieder für einen Anderen frei? Er würde doch sicher ein würdiger Nachfolger. Aber vermutlich ist das ein törichter Gedanke. Und Du hast schon darüber geklagt, daß er auch zu viel im "Betrieb" aufgeht. Wohin soll nur diese Hast des Lebens führen?
Es ist wohl besser, wenn ich für heut aufhöre! Darum nur noch einmal Dank und viele innige Grüße. Auch Susanne und Ida grüße herzlich von
Deiner Käthe.