Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18./19. September 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Sept. 1952
abends 10 Uhr
Mein liebes Herz!
Soeben ist Frl. Reinhard mit dem jüngeren Matussek fortgegangen, aber ich muß doch notwendig noch an Dich schreiben, denn es ist schrecklich lange her seit meinem letzten Brief und ich muß Dir ganz herzlich Dank sagen für die – eigentlich unzeitgemäße Geldsendung mit den lieben Zeilen auf dem roten Abschnitt. Vorgestern schon kam sie an, und seit dem Tage zuvor hatte ich bereits das "Inliegende" von Herrn Buttmi bekommen, mit dem ich hoffe, Dir Freude zu machen, wenn es auch etwas sehr wehmütig ist. Ich tröste mich damit, daß der Deutsche gern wehmütige Lieder singt, wenn er froher Stimmung ist. Es sei ein Lied, das früher in der Schule geübt wurde, aber
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| nicht mehr "beliebt" ist.
Du hättest schon früher von mir gehört, wenn ich nicht eine ungewöhnlich lebhafte Woche hinter mir hätte. Zeitweise habe ich dann auch wirklich unangenehm gefroren, denn man mußte sich erst umstellen und zunächst wirkt sich die Kälte bei mir als Schlafsucht aus! — (Also, am Freitag war Frl. Mathy bei mir, gemütlich wie immer. Ich begleitete [über der Zeile] sie abends bis in die Stadt zu Fuß) nein, umgekehrt, ich war bei ihr und sie kam dann am Montag zu mir, um sich von mir einige von den schönen Zeitungsbesprechungen vorlesen zu lassen, die mich so sehr beschäftigten. Jedes Einzelne davon ist ein lebendiges Bild Deines Wesens, wie es der Betreffende auffassen konnte, und besonders gefallen tut mir Wenke, Zollinger und Heuschele – aber auch bei den andern ist manches Wort, das mich beglückt als echter Widerschein. — Am Samstag besuchte ich Frl. Reinhard als Patientin in der Klinik und
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| begleitete sie zu einem Spaziergang am Neckar. Am Sonntag war ich bei Frl. Seidel zum Kaffee in dem neuen Heim, in dem sie sich recht angenehm eingerichtet hat. – Am Dienstag bekam ich eine Karte von Annemarie Eggert, der ältesten Tochter von Heinrich, daß sie mich am Mittwoch "einen Augenblick" besuchen wolle, da sie von Stuttgart aus in Heidelberg dienstlich zu tun habe. Ich wartete den ganzen Tag natürlich vergeblich und hörte bis jetzt nichts Näheres. – – Statt dessen kam eine recht nett aussehende Frau Dörsam, die sich auf Veranlassung von Frau Petri als Ersatz anbot. Die Sache schien mir Vertrauen erweckend und ich habe mit ihr für Oktober vereinbart. Sollte Mädi gerade am Monatsbeginn nun wirklich kommen, wird Frau Petri für die ersten Tage noch bleiben. So ist die stille Sorge, die schon länger am Horizont stand, sehr gnädig an mir vorübergegangen. Abends besuchte mich dann Frau Buttmi noch
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| nach langer Zeit mal wieder.
Heut, am Donnerstag, war nun Elisabeth Vetter bei mir, die in Stuttgart Verhandlungen führt mit einem Altersheim. Das hörte ich heut von ihr und da war es amüsant, daß auch ich heut eine solche Verhandlung begann. Ich habe von dem Altenheim der Inneren Mission in dem Frl. Seidel jetzt ist, und das ich schon nach meiner Vertreibung aus der eignen Wohnung mal besichtigte, einen so günstigen Eindruck, daß ich mich vormerken ließ. Der Inspektor, Herr Rieker hatte eine recht Zutrauen erweckend Art. Er erkundigte sich natürlich nach meinen Finanzen und erklärte, daß ich natürlich für die 85 M Rente nicht aufgenommen werden könne, aber Frl. Dr. Clauß würde mir sicher bestätigen, daß ich nicht mehr allein wirtschaften könne, und dann übernehme die Krankenfürsorge die fehlenden Kosten und ich behielte nur 10 M Taschengeld. Das hat
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| mir durchaus eingeleuchtet. Denn ich merke doch bisweilen doch jetzt eine ganz entschiedene Unzulänglichkeit, und große Unlust an diesem lästigen Kleinkram. Es ist wohl das Schicksal sehr vieler in dieser Zeit, ein solches Unterkommen zu suchen, und ich fühle mich nicht eigentlich schuldig, daß meine Existenzmittel so spurlos entschwunden sind. Ich glaube, auch Dir wird das wohl recht sein, denn ich habe doch eigentlich garkeine Wahl, da in meiner Familie keine Hilfsquelle für mich ist. – Der Entschluß ist so plötzlich über mich gekommen, und ich hoffe, er soll das Richtige sein — ? — ? —

19. Sept. Gestern abend war es doch zu spät geworden und ich zu müde. Heut ist nun Dein lieber Brief gekommen, der mich mit Freude und Dank erfüllt. – Daß Du
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| am 14.9. so gute Eindrücke hattest, überrascht mich nicht. Dafür war schon die nötige Bereitschaft da. Und mit Anteilnahme höre ich von allen Einzelheiten. – Daß ich der Abschiedsfeier für Herrn Heinrich beiwohnte, glaubte ich geschrieben zu haben. Eine Stunde vorher goß es noch in Strömen, aber dann war es klar und windstill. Als ich mit Buttmis die Görresstraße zurückging, holte uns das Auto der Angehörigen ein, und nötigte Frau B. und mich, mitzufahren. Gestern hat mir dann Frau Heinrich einen sehr warmherzigen Besuch gemacht. –
Daß Ihr gutes Wetter für weitere Spaziergänge hattet, freut mich sehr. Ich habe es bei jedem Sonnenstrahl für Dich gewünscht.
Daß Du am 7. Okt. auf dem hiesigen Bahnhof zu Mittag essen willst, höre ich mit großer Freude. Ich werde Mädi noch heut davon Nachricht geben, wonach zu richten! – Und jetzt will ich den Brief zur Post bringen, Dir herzliche Grüße für Susanne und Ida auftragen und immer in treuer Liebe <li. Rand> bleiben Deine Käthe.
[li. Rand S. 1] Der Reutlinger Arzt heißt Dr. Recknagel und ist Chefarzt vom dortigen Krankenhaus.
[li. Rand S. 3] Auch ich habe wiederholt geheizt, und das wird jetzt wohl dauernd sein.