Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. September 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21. Sept. 52
Mein liebes Herz!
Da sind sie also doch noch – auch in diesem Jahr – die lieben Zeitlosen! Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, aber doch sehr daran gezweifelt, ob nicht ihre Zeit vorüber wäre. Und das Wetter war garnicht dafür, denn es vereitelte mit den unberechenbaren Regengüssen jeden Versuch. Nun aber gestern, Samstag, riskierte ich es trotz drohender Wolken – und siehe, sie lösten sich auf und im Siebenmühlental leuchtete die Abendsonne über der stillen Wiese und eine verklärende Ruhe lag über der wunderbar farbigen Waldung. Und in dem üppigen Grün der Wiesen
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| warteten die bedeutungsvollen Blüten. Mögen sie in einer Stunde zu Dir kommen, in der Du ungestört Freude daran haben kannst.
In meinem Brief versäumte ich neulich noch zu sagen, daß Frau Heinrich ganz ausdrücklich für Deine Teilnahme danken läßt. Und dann wollte ich noch erzählen, daß die alte Frau, die am Abend des 24.II. so unerwartet bei mir erschien und dann auf der Straße an meinem Arm zusammenbrach, jetzt im Krankenhaus gestorben ist. Sie war seitdem immer im Josephshaus und hatte jetzt einen weiteren Schlaganfall. Ich habe sie dort zweimal besucht und sie war sehr gern da, aber die Lähmungen
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| hatten nicht nachgelassen und nur die Hände konnte sie etwas bewegen. Zum Beweis drückte sie mir beim Abschied recht herzlich die Hand. – Der Mann spricht mich jetzt auf der Straße an, wo er mich sieht. Er ist mir aber nicht sympathisch und ich mache so gut ich kann einen Bogen, um ihm zu entgehen.
Wie es scheint, wird es heute, Sonntag, wieder sonnig. Vielleicht könnt Ihr das mal wieder benutzen, um eine Wanderung zu machen. Das ist vielleicht besser, als nur ein paar Tage anderswo, weil man die schlechte Witterung vermeiden kann und zuhaus behaglicher verbringt.
Dieser Zettel wird wohl ziemlich aufgeweicht in Deine Hände kommen, aber
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| ich hoffe: die Blumen desto frischer!
Sie sollen für mich sprechen, und Du grüße, bitte, Susanne u. Ida von mir.
Seit 1903 immer gleich von Herzen
Deine
Käthe.