Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Oktober 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Okt. 52
Mein liebes Herz!
Wie froh war ich über Deine liebe Karte, die so befriedigt über Deinen Besuch hier klang. Sie war für mich genau solch ein unverhoffter Sonnenblick, wie das Wetter uns ihn beim Schloß schenkte. Nur hatte sie auch einen dunklen Hintergrund in dem Bericht von der schlechten Rückreise. Ich hoffe nun recht dringend, daß heute Deine Fahrt nicht wieder solch Versagen der Eisenbahn bringen möge. – Ein angefangener Brief ist inzwischen liegen geblieben, denn ich habe nämlich den Mut gefaßt, mich über die aufgestapelten kleinen Drucksachen zu
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| machen, die durch mehrfachen Umzug ganz aus dem chronologischen Zusammenhang gekommen sind. Und dabei hat sich herausgestellt, daß Du einmal wieder recht hattest und daß dabei wirklich ein Exemplar von der Reclam-Ausgabe ist, gebündelt mit allerlei Zeitungsaufsätzen. Ich erinnerte mich nur, daß Du einmal mein Heft von 1923 haben wolltest, aber darauf verzichtetest, weil ich es so hübsch eingebunden hatte. Und das hat immer bei Deinen Schriften gestanden, aber die kleinen Drucksachen liegen alle im Bücherschrank beisammen, und in einer schweren Kiste. Es ist eine überwältigende Menge. In dieser Fülle ist eine Anzahl, die für mich Epoche gemacht haben, und die neben den großen Büchern mir besonders lebendig blieben.
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| Noch ist davon nicht alles wieder durch meine Hand gegangen, denn ich bin ängstlich, soviel auf einmal herauszuholen in der Enge des Wohn- Schlaf- und Wirtschaftszimmers.
Augenblicklich beschäftigt mich noch der kleine Artikel über Kunsterziehung; und auch, was Du über den Vortrag von Justi berichtetest. Letzterer schien mir mehr die wirtschaftliche Basis der Kunst im Volksganzen zu betreffen. Während Du den Zusammenhang mit der allgemeinen Kultur beleuchtest. Was ist Ursache, was ist Wirkung? Beide Betrachtungen wollen abrücken von dem Grundsatz l'art pour l‘art und zu einem Verständnis dessen führen, was die Kunst [über der Zeile] in dem gesamten Leben bedeutet. Alles was Du forderst ist auch heut noch bei guten Lehrern vorhanden, aber der allgemeine Sinn geht nicht darauf ein.
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Ich möchte wohl mal mit Dir über dies alles reden können, denn auch in dem Chaos der heutigen Kunstprodukte gibt es immer wieder Einzelnes, was mit unmittelbarer Kraft packt. Aber waren es nicht zu allen Zeiten nur Einzelne, die solche Sprache fanden?
Damit dieser Brief nun nicht wieder liegen bleibt, will ich ihn mitnehmen und in der Hauptpost einwerfen, daß er morgen früh in Tübingen ist.
Mögest Du heut wieder wohlbehalten und nicht garzu ermüdet dort eintreffen. Ich werde bei Rösel Hecht Geburtstag feiern. Der wunderschöne Sonnenschein soll Dich grüßen, und Du sage Dank und Gruß auch an Susanne und Ida.
In stetem Gedenken
Deine
Käthe.