Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. Oktober 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26.X.52
Mein liebes Herz!
Immer wieder lese ich Deinen lieben inhaltreichen Brief und bin trotz der Erwähnung der ermüdeten Rückkehr so froh über die allgemeine Befriedigung, die daraus spricht. Es ist in die eigentlich ungesuchte Arbeit bei dieser Forschungsgemeinschaft eine persönliche Note gekommen, die Dir diese Fähigkeit ganz gewiß erfreulicher und leichter machen wird. An unsern Aufenthalt in Würzburg habe ich nur eine sehr schwache Erinnerung, den Blick von der Brücke auf die Burg – leider sah ich garnichts von den architektonischen Schönheiten der Stadt, mit denen ja Bruchsal wetteiferte. Und umso besser erinnere ich mich der
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| Niedergeschlagenheit, mit der wir dann in Heidelberg unser Leben fristeten!
Wie es scheint hat gerade die Sonderkommission am 18. die näheren Bekanntschaften vermittelt. Ob von dem Nationalökonom Albert ein Buch ist, das mir besonders empfohlen wurde: Der verratene Sozialismus? – Sehr leid ist es mir, daß Du Dich über "unsern" Minister so erregen mußtest, daß es Dir die Nachtruhe kostete. Aber ich hoffe, daß Du den Erfolg Deines Eingreifens sehen wirst. Nur darf der Mißgriff dieses Impotenten nicht Deine persönlichen Berufspläne stören!
Was ist das denn eigentlich mit dem Schweizer Preis? Ich habe davon nichts in unserm Käseblättchen gefunden. Und leider war ich auch nicht im Kino, wegen
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| der Wochenschau. Nur eine Zeitungsaufnahme aus der Zeitung habe ich, auf der Du gut zu erkennen bist.
Vorhin war ich, so um Sonnenuntergang ein wenig im Freien, auf der Görresstraße (zwischen Landstraße und Panoramastr.) der Stadt zu und begegnete dort Frau Heinrich und Schwester, die mich dann zurück begleiteten. Es ist von der Straße solch wunderschöner Blick gegen den herbstlichen Wald mit seine glühenden Farben. Von dem hübschen Weg mit Hedwig Mathy schrieb ich ja an Susanne. Solch leicht erreichbarer Naturgenuß ist so wohltuend. Da wird das Altenheim nicht so günstig liegen. Aber im übrigen hoffe ich sehr, daß es sich verwirklichen läßt. Denn hier im Haus ist doch die Fürsorge recht problematisch. Neulich hat Trudel gerade als ich
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| eben ins Bett wollte, mit einem donnerähnlichen Knall den Gasherd explodieren lassen. Es ging alles noch recht gnädig ab, nur eine beträchtliche Reparatur wird es geben. Sie hätte selbst ernstlich Schaden nehmen können. – – Sehr leidend ist Paula Seitz, die keinen Besuch mehr annimmt, seit Monaten bettlägrig ist und – – nicht sterben kann. Angina pektoris soll es sein. Solche Lebenszähigkeit ist wirklich ein Unglück.
Dagegen hält sich Hanna Héraucourt weiter arbeitsfähig in ihrer Tapferkeit. Die Herzen in der Familie sind auch nicht sehr taktfest, aber bei ihr ist ein so großer Lebenswille, daß sie alle Leiden bezwingt.
Erstaunt bin ich über das Auftauchen von Werner Jaeger in Athen. War er nicht in Amerika??
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Sehr oft kommt mirs wieder in den Sinn, wie Du mir im Heidelberger Bahnhof plötzlich den Pour le mérite auf den Tisch legtest. Wie schön ist diese geschmackvolle Auszeichnung ernsten tüchtigen Preußentums, dem Du von Herzen angehörst; welch große Vergangenheit redet aus diesem Sinnbild, durch das Du nun auch sichtbar mit ihrem Geist verbunden bist. Ich werde diesen Eindruck und dies erschütternde Gefühl nie vergessen.
Es wollte mich in diesem Sommer über all den Ehrungen, die da über Dich kamen, manchmal so etwas Bangigkeit, so ein Polykrates Gefühl überkommen. Aber ich sagte mir, wir sind doch keine Heiden, und wir haben einen gütigen Gott, der es nötig fand, an Dir viel still Gelittenes auszugleichen.
Unser Abschied am 10. war damals etwas
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| plötzlich, denn ich wollte Dich nicht von dem glücklich eroberten Platz nicht nochmals fortlocken. Ich versuchte auf Bahnsteig 4 noch zu winken, und kam auch noch rechtzeitig an die Spitze des Zuges, aber ich konnte das Fenster, an dem Du gesessen hattest, nicht wiederfinden und so rollte der Zug ohne mein Winken der ärgerlichen Verspätung entgegen.
Jetzt ist es ja wohl vorerst mal mit dem Bahnfahren zuende. Höchstens hoffe ich, daß noch ein einigermaßen freundlicher Tag Dich, d. h. Euch, zu einem hübschen Ausflug verlockt! Hier ist es immer nur für Stunden zuverlässig und heizen muß man täglich. —
Einen guten Semesteranfang und ungestörte Arbeit wünscht Dir mit innigen Grüßen
Deine Käthe.

[Fuß] Viele Grüße auch an Susanne und Ida.