Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. November 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. November 52.
Mein liebes Herz!
Seit Sonntag war es täglich meine Absicht, Dir zu schreiben, aber immer kamen Hindernisse, teils Arbeit, teils Besuche. Aber es kam am Montag Deine Drucksache, mit der ich mich [über der zeile] seitdem abends sehr gründlich befasse, und bei der ich hoffe, erkennen zu können, in wieweit sie über die "Grundlagen" von 1905 hinausgeht. – Es beunruhigte mich beim Empfang, daß nicht eine Bemerkung dabei war, und ich fürchtete, es möchte Dir nicht gut gehen. Dann kam aber am Dienstag Dein lieber Brief, und ich danke Dir für beides. Es ist so gut
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| von Dir, daß Du trotz Deiner Müdigkeit so ausführlich geschrieben hast. Ich würde gern sagen: Du solltest das nicht tun, aber es ist mir doch solch liebes Geschenk.
Natürlich haben mich die näheren Umstände des Schweizer Weltpreises interessiert. In unsrer Zeitung fand ich nichts darüber. Und da hätte ja auch nicht dabei gestanden, daß damit eine Reise nach Zürich und Bern verknüpft ist. Bern habe ich bei der Reise mit der Tante kennen gelernt und vor allem den Eindruck der erhöhten Lage, umflossen von der Aare, bewundert. Es ist im Prinzip wie der Dilsberg, aber bedeutender und geschlossener. – Hoffentlich ist Eure Zeit nicht zu knapp bemessen, und das Wetter ist günstig.
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Denke Dir, Hegels Religionsphilosophie habe ich mal in der Hand gehabt und die Einleitung mit Ergriffenheit gelesen. Damals, als Hermann in Schwetzingen war, und Du noch keine Sympathie für Hegel hattest, dessen System Dir wie ein kahler Grundriß erschien.
Von Nikolai Hartmann sagte Paul Matussek, daß Ihr Ähnlichkeit in der Stellungnahme hättet. Vermutlich wird Dein Beitrag zur Gedenkschrift den Unterschied beleuchten.
Immer, wenn ich abends über die Straße gehe, denke ich an Deine Ermahnung und bin sehr vorsichtig. Aber mich vollständig einkapseln, das kann ich nicht. – Heut bin ich zum Kaffee mit Frau Buttmi bei Frau Heinrich gewesen. Es war ganz hübsch, aber eigentlich bin ich da
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| nur Statist. – Vorgestern war auch mal wieder Frl. Held hier. Aber ich sehe garkeine Resultate der dauernden Behandlung. Sie klagt auch immer gleichzeitig über Beschwerden, die in das Gebiet eines Internisten gehören, aber obgleich die Eltern es wünschen, will sie keinen konsultieren aus Rücksicht auf den hiesigen Arzt. Kurz, ich war enttäuscht.
Eine Nachricht, die manch wehmütige Erinnerung weckte, bekam ich dieser Tage. Grete Eggert schrieb, daß ihr Mann (Heinrich, Du weißt) "von seinem langen Krankenlager durch einen sanften Tod" erlöst wurde. Ich hatte davon eigentlich nichts gewußt. Nur schrieb er nicht mehr selbst, sondern sie führte den Briefverkehr. – Er war ein herzensguter aber unbequemer Mensch, und zu mir war er immer echt freundschaftlich.
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Daß Quelle u. Meyer in der Zeppelinstr. eingerichtet sind, hörte ich schon. Irgend jemand aus der Branche hat mir erzählt, daß dort Steinfußböden sind und es sehr kalt sei.
Bei mir ist immer gut geheizt, und ich habe nochmals Kohlen bekommen, soweit ich Platz dafür habe. Dabei denke ich täglich dankbar an Dich. Die neue Hilfe macht sich ganz nett und so kann ich nur zufrieden sein. Der Gasherd war heute abwesend, hoffentlich kommt er morgen repariert zurück. Heut konnte ich auf dem Zimmerofen wärmen, was ich von gestern noch hatte.
Hier in Rohrbach ist es von 8 Uhr an schon kaum noch belebt auf der Straße, also keine Autogefahr. Und in Vorträge oder dergl. in
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| der Stadt gehe ich garnicht mehr. Umso mehr freue ich mich auf Deinen Rundfunkvortrag. — Von den Angelegenheiten um Deine Nachfolge und dem Konflikt in Würzburg schriebst Du im vorigen Brief, und es hat mich mit Sorge erfüllt in Bezug auf die Möglichkeit, daß wieder ein weiteres Semester Dir aufgeladen werden könnte. Wenn Du doch einmal volle Arbeitsfreiheit haben könntest! Laufende Verpflichtungen sonst bleiben genug auch dabei. – – Den einliegenden Zettel fülle mir doch, bitte, mit den feststehenden Pflichten aus. Und nun nimm viel treue Wünsche für einen erfreulichen Semesterbeginn und möglichst viel erholsame Stunden in freier Natur. Sei innig gegrüßt und grüße auch "das ganze Haus"!
Deine Käthe