Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. November 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Nov. 1952
Mein liebes Herz!
Der Sonntag fing an mit nassem Schnee und kalten Winden, und es war abscheulicher als notwendig, um einem das Ausgehen zu verleiden. Nach der üblichen Hausarbeit und dem wohlgeratenen Mittagessen stand also einem ausgiebigen Mittagsschlaf nichts im Wege! Aber dann half ich mir aus dieser dauernden Lethargie durch einen wirklichen Kaffee und vertiefte mich mit wachsendem Verständnis in die "Aufgaben des Geschichtschreibers", wobei mir zunächst das begriffliche Festhalten der einzelnen Standpunkte trotz der klaren
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| Darstellung [über der Zeile] bisher sehr mühsam gewesen war. Ich bin nämlich tatsächlich in letzter Zeit von einer erschreckenden geistigen Unfähigkeit gewesen. Ob da klimatische Einflüsse mitsprechen, weiß ich nicht. Wir sind ja bekanntlich sehr empfindlich dagegen. Jedenfalls hat mir heute mal wieder der Kaffee darüber hinweg geholfen und ich bin von Seite 260 an mit einer wahren Andacht und Begeisterung Deinen Ausführungen gefolgt. Das ist alles so aus einem Guß, solch geschlossenes Bild tief erlebter Wahrheit, daß es mir wie eine kurze Biographie Deiner Geistesentwicklung erscheint. Denn alle Erkenntnis ist in diesem Resultat eingeschlossen, – individuell und überindividuell. Wie mancher Deiner Aussprüche aus früheren
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| Jahren ist mir dabei wieder gegenwärtig.
Sehr gern würde ich auch mal über die wenigen Zeilen zu der Kunsterziehertagung mit Dir reden, die mich seither immer wieder beschäftigt haben. Ob es mit der Pflege der Phantasie getan ist? Sie kann auch entarten, und die Kunstlehrer werden meinen, sie zu pflegen. Ist nicht die Mehrzahl der heutigen Bilder z. B. heute ein ungewolltes Bild der chaotischen Geistesverfassung? Man will nicht ein Objekt sondern einen Zustand darstellen, und findet kein gültiges Symbol, denn es fehlt dafür [über der Zeile] die allgemeine Form. Ist nicht in der Kunsterziehung am Wichtigsten das Sehen-lernen eines Geistigen durch die jeweilig gegebene Form? – Aber das ist alles so widerspruchsvoll. Du forderst mit
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| Recht "durchseelte Symbole", aber dann muß doch wohl erst das eigne Erleben am Objekt vorausgehen. Und darin besteht die "Kunst des Erziehers" den Schüler diesen Weg zum Verständnis zu führen. Produziert wird schon viel zu viel! — Es ist alles in Deinen Worten angedeutet, aber es [über der Zeile] war vielleicht zu knapp, um genug Eindruck zu machen. –
Nach einem rosigen Sonnenuntergang, bei steigendem Barometer und einsetzendem Südwind auf beiden Wetterfahnen!, ging ich noch zu Buttmi's, wo sich mit Mutter und Tochter ein lebhaftes und anregendes Gespräch entwickelte. Und jetzt ist es Zeit Schluß zu machen. – Ich hätte noch manches zu fragen, besonders denke ich viel nach über die mutmaßlichen Gründe Deiner Differenz mit Sch., die mir aus Deinen Andeutungen nicht klar werden. Aber vielleicht kommt ja mal <li. Rand> eine Möglichkeit mündlicher Aufklärung, denn daß Du triftige<li. Rand S. 3> Gründe hast, weiß ich. – Eine kleine Drucksache mit allerlei Ulk <li. Rand S. 2> geht gleichzeitig ab. Vielleicht amüsiert sie auch Susanne.
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Grüße sie und Ida von mir, und laß Dich selbst innig grüßen von
Deiner Käthe.