Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. November 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Nov. 1952.
Mein liebes Herz!
Welch große Freude hast Du mir wieder durch Deinen lieben Brief vom 13.XI. gemacht! In erster Linie dadurch, daß Du von: "ein ganz klein wenig mehr Luft in Deiner Tätigkeit" schreiben konntest. Nun steht allerdings gerade eine gewisse Anstrengung durch die Schweizerreise bevor, aber die wechselnden Eindrücke (und es werden voraussichtlich ja erfreuliche sein!) sind sicher eine anregende Abwechslung. – Ich sehe das Bild vom Fenster des Züricher Hotels noch deutlich vor mir, auf das wir beim Sechseläuten herabblickten. Ich wünsche Euch nur ein möglichst gutes Wetter, daß Ihr bei der
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| kurzen Zeit doch einen möglichst ungestörten Genuß haben könnt. Wenn es die Gelegenheit gibt, sage doch bitte bei Prof. Zollingers einen Gruß von mir.
Worüber wollen denn die Berner von Dir einen Vortrag hören? Vermutlich Pestalozzi? Auf den Rundfunkvortrag freue ich mich, Du erwähntest neulich als Thema: Liberalismus.
Die unerfreuliche Berufungssache ist hoffentlich durch die prompte Ablehnung etwas weniger zeitraubend geworden als erwartet. Wie das Ganze überhaupt zustande kommen konnte, ist mir unverständlich, und ich rate auf die sonderbarsten Zusammenhänge. Ich habe hier bei den Bekannten herumgehört, im ganzen nur Zustimmung zu einem hiesigen Vortrag [über der Zeile] des Betreffenden gehört. Aber Hedwig Mathy wußte, daß die Berliner
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| Künstlerschaft sich sehr energisch gegen ein anmaßliches Urteil eines Unfähigen gewendet hätte. Wie kann man auch von solcher Stelle aus, als verständnisloser Laie öffentlich auftreten! – Merkwürdig ist mir aber, wie man [über der Ziele] andererseits erwarten kann, ein solcher Posten sei in 3 Wochen neu besetzt? Wie kann das zustande kommen? Ich habe keine Ahnung von dem dienstlichen Weg solcher amtlichen Stellungen. Wer kann da ernennen und absetzen?   (Heuß?)
Hier ist nun inzwischen Paula Seitz von ihren schweren Leiden erlöst. Gerade am Tage ihres Todes fragte ich in der Klinik wieder nach und erfuhr, sie sei eingeschlafen — die Schwester meinte, sie habe es wohl nicht mehr gespürt. Die Bestattung fand am Donnerstag statt, wie ich in der Nachbarschaft
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| ihrer Wohnung erfuhr, da auf ihren Wunsch keine Zeitungsanzeige gedruckt wurde; aber ich hatte doch das Verlangen, dabei zu sein und als ich zur Leichenhalle kam, wurde ich aufgefordert, sie noch einmal zu sehen. Aber sie war es nicht mehr, die ich kannte, so hatte das Leiden – Angina pectoris – ihre Züge verändert. Es war sehr erschütternd. Ich hatte sie lebend nicht mehr gesehen, war mehrmals vergeblich dort gewesen. Zuletzt hat sie auch ihre nächsten Freunde kaum noch erkannt. Die Feier, bei der Pfarrer Höfer aus Neuenheim, und ein Kollege von der Schule sprach, war sehr warm und verständnisvoll, ganz schlicht, wie es ihrem Wesen entsprach. Anwesend waren nur etwa 15 Personen.
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Noch ein eindrucksvolles Erlebnis hatte ich dieser Tage: eine Flüchtlingsfrau aus Ost-Berlin. Alles was sie sagte, hatte so den Stempel des Unmittelbaren, und es brachte mir recht zum Bewußtsein, wie gut wir es doch noch haben. Sie war garnicht wehleidig, bat nur um etwas Proviant, um mit ihrem Sohn und einer alten Frau, mit der sie über West-Berlin per Flugzeug über die Grenze befördert war und von da per "Anhalter" nach Stuttgart zu kommen suchte. 5 M hätten sie erhalten, auch warme Sachen, aber das Geld wäre rasch ausgegeben, denn jede Übernachtung koste 1 M und die Autofahrer wären garnicht geneigt, Leute mitzunehmen. Sie war erschreckend mager und elend, aber beredt wie eine echte
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| Berlinerin. Du wirst denken, ich hätte mich beschwätzen lassen, aber ich glaube es nicht; ich habe einen ziemlich guten Instinkt in Bezug auf Menschen. Und lieber will ich getäuscht sein, als ohne Grund zweifeln. –
Heute war Frl. Seidel zum Kaffee bei mir, ganz gemütlich. Dann kam aber Uhrmacher Gellesch mit der Schwarzwälder Uhr dazu, die schon längst fertig sein sollte, hing sie umständlich in der Küche wieder auf und schwatzte dann endlos über Steuern und Hauswirte, Mitbewohner etc., daß es uns ganz schwach darüber wurde. Aber er ist ein tüchtiger Handwerker und man will es nicht mit ihm verderben!
Gestern gegen Abend habe ich Frau Heinrich und Schwester aufgesucht zu einer längeren
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| und lebhaften Plauderstunde. Erstere ist im Begriff zum Weihnachtsfest zu der verheirateten Tochter nach England zu fahren, etwa am 2.XII.
Heute ist Totensonntag, wie erinnert mich das immer an die Marienkirche im Todesjahr meines Vaters. – Und am 14. war ich so besonders intensiv bei Dir, voll Dankbarkeit der Befreiung aus Moabit gedenkend. So lebe ich viel im Rückblick, aber doch auch noch immer in einer lebendigen Gegenwart.
Und was die Zukunft angeht, so ist es mir eine Art Beruhigung, daß Du innerlich einverstanden bist, wenn Du die Lehrtätigkeit jetzt aufgibst. Als ich auf dem Zettel Deine Ankündigung las, dachte ich, das werden sicher die Studenten doppelt eifrig besuchen im Hinblick auf das Letztmalige einer solchen Gelegenheit.
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| Aber Du scheinst das zu bezweifeln. Und was die Theologen angeht, so hast Du ja immer bemerkt, daß die Katholiken Dir mehr Verständnis zeigten als der Protestantismus. Sie können mir leid tun!! Wo mag im Stift der heimliche Gegner stecken?
Aber wenn ich Dich vor der Reise noch erreichen will, muß ich eilen. Und es ist auch schon spät am Tage, sodaß ich den Brief erst morgen auf die Post bringen kann. Sehr danken möchte ich Dir für die Unterstützung, die vorgestern pünktlich eintraf. Über die ganze Angelegenheit, die mir viel im Kopfe herumgeht, möchte ich Dir gern demnächst mal ausführlich schreiben, wie ich hoffe, daß es mir günstig scheint. Auf alle Fälle steht die Möglichkeit einer Umquartierung tröstlich vor mir! Heut nur noch viel herzliche Grüße an die ganze Rümelinstr. 12 I und einen extra an den Chef! Immer nur
Deine Käthe.

[li. Rand S. 2] Werdet Ihr den Neuhof auch besuchen?