Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6./7. Dezember 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. Dez. 1952
Mein liebes Herz!
Wenigstens einen Gruß möchte ich Dir heute noch schreiben, wenn es auch nicht so ausführlich sein wird, wie ich gern möchte. Vor allem habe ich viel zu danken, für die Karte aus Burgdorf, für den lieben Brief danach, für den Fröbeldruck und überhaupt. Es ist eine unruhige Woche gewesen und alles macht mich immer gleich müde. Wenn ich von allem höre, was Du fortwährend vorhast, kann ich nur staunen. Wie schön wäre es, wenn die Reise nach Hamburg mal wieder einen Abstecher hierher möglich machen würde. Aber übrigens muß ich ja sagen, es könnte nun mal eine Pause in den Preisverleihungen geben, es wird sonst womöglich lästig! Natürlich muß es in Hamburg eine Goethe-Rede
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| sein und das ist immer besonders schön. Aber ich sähe Dich doch ganz gern verschont davon.
Mit dem Fröbelaufsatz habe ich mich noch wiederholt beschäftigt und werde es heut noch einmal tun, denn Gretel Schwidtal ist mit ihrer Schwester hier und bat darum, es gemeinsam zu lesen. Sie wohnen in der sehr nett renovierten "Rose", die wieder ganz von der alten Frau Steinmann geleitet ist. Von Amerikanern ist scheinbar nichts mehr sichtbar. – Augenblicklich sind siex [li. Rand] x nämlich Schwidtals spazieren gegangen und ich habe mir Urlaub genommen, weil ich etwas Rückenschmerzen habe. Du hast ganz recht, daß das vom Alter kommt, aber es ist doch unbequem. Um das Transportieren der Kohle etc. zu vermeiden, will ich noch einen Füller kaufen, der zu Reserve immer bereit sein soll. Irgend jemand zum
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| öfteren Heraufholen ist nicht zu beschaffen, denn die Nachbarschaft ist nicht mit solch brauchbaren Jungen gesegnet. Überhaupt berührt mich das mit der "Geizhexe" garnicht, denn erstlich kenne ich nur Geizkragen oder Geizhälse, und was mich betrifft, so fühle ich mich eher als jemand, der sehr leichtsinnig ausgibt, mehr als er eigentlich verantworten kann. Du wirst ja auch wissen, wie sehr die Preise von Woche zu Woche steigen. Die zeitweiligen Schmerzen sind vermutlich Rheuma oder Neuralgie und verschwinden auf Antineuralgika, ich habe aber, wie Du weißt, ein möglichst wenig "einnehmendes Wesen".
Für Dein liebes Eingehen auf meine Altersheimpläne danke ich Dir sehr. Von all den Möglichkeiten, die mir hier bekannt wurden, ist die, welche ich Dir zeigte, anscheinend die angenehmste. Die Baukosten, von denen die Rede war, beziehen sich wohl auf Erhaltung. Es ist die andere Front
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| frisch beworfen. Beim Wechsel der Bewohner wird das Zimmer neu hergerichtet etc. – Bei meinem letzten Besuch, den ich in dieser Woche machte, sagte Herr Rieker, bei meinem Angebot der Sparkassenreste [über der Zeile] etc, das solle ich nur als Notpfennig behalten, das käme für seinen Zweck nicht in Betracht. – Auch bei der Soforthilfe war ich in dieser Woche und muß da ein Formular ausfüllen, um den kleinen Zuschuß von dort nicht zu verlieren. So kommt beinah jeden zweiten Tag eine Fahrt in die Stadt. Auch Hedwig Mathy war zum Geburtstag zu gratulieren, und am Sonntag war bei ihrer Schwester, Frau Franz, ein geselliger Abend, bei dem eine Frau v. Gehrmann-Tettenborn Verse von Hagelstange sprach, abwechselnd mit dem Spiel Beethovenscher Kompositionen durch Gretel Franz. Beides war sehr formvollendet, und wirklich Andacht und Genuß. Kennst Du den Dichter? Die ganze Stimmung war dem Totensonntag angepaßt.
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Deine Erzählung der Schweizer Reise habe ich sehr eingehend studiert und auf der Karte verfolgt. Zugleich habe ich mir auch den "Lebenstag eines Menschenfreundes" von Wilhelm Schäfer wieder vorgeholt für den täglichen Abschluß des Tages. – Die "Herberge zur Heimat" ist m. W. immer ein Unterkommen für reisende Handwerksburschen gewesen. Quartiert man in der Schweiz dort Prominente ein? – Sehr gern hätte ich auch etwas Näheres gehört über den Eindruck, den Du von dem Herrn hattest, der Tübingen verschmähte. Ist in der Angelegenheit jetzt ein neuer Versuch im Gange?

7.12. Gestern wurde ich unterbrochen und dann wurde es zu spät, den Brief noch zu expedieren. Der Fröbelvortrag, den Gretel Sch. sehr verständnisvoll vorlas, hat entsprechende
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| Wirkung auf beide gehabt. Und ich kann nun mal nicht müde werden, der Tiefe und Lebensfülle Deiner Gedanken nachzudenken. Auch den Radio-Vortrag habe ich gehört. Fast hätte ich den Anfang versäumt, weil der Ofen nicht anbrennen wollte!! Ich mußte nämlich zu Buttmis gehen, weil das Radio im Haus kaputt ist.
Doch jetzt will ich rasch Schluß machen und versuchen, ob ich noch Post erreiche. Zu Mittag bin ich bei Schwidtals in der Rose und nachher (nach der Ruhe!) kommen sie zu mir für Kaffee und Abend. Vielleicht dazwischen ein kleiner Weg an die Luft. Es ist täglich mehr von der Sonne zu sehen, die in Heidelberg für Gretel angeblich immer scheint. Möchte sie Euch auch freundlich sein! Ich grüße alle drei herzlich und wünsche Dir erfreuliche Eindrücke, die Stimmung und Kräfte heben. Wie immer
Deine Käthe.