Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Dezember 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. Sonntag,
d. 14.XII.52.
Mein liebes Herz!
Soeben komme ich vom Geburtstagskaffee der lieben Frau Buttmi, die 55 Jahre alt wurde. Auch Héraucourt's waren da, sodaß es einmal wieder ein recht gemütliches, nachbarliches Zusammensein war; denn im allgemeinen sieht man sich selten, seit ich nicht mehr so geneigt bin, auf gut Glück die Leute aufzusuchen.
Inzwischen sind nun Schwidtals abgereist, deren Besuch mir eine wirkliche Freude war, nur ist es mir störend, daß ich nicht mehr so unbekümmert im Bewirten sein kann, teils um der Kosten willen, teils wegen der beengten Wohnung. Überhaupt hat es mich trotz aller [über der Zeile] ihrer freundschaftlichen Rücksicht ziemlich angestrengt, immer gleich zwei lebhafte Menschen um mich zu haben, die
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| mir schon rein sprachlich Schwierigkeit machten, da die ältere Schwester sehr leise spricht, seit sie mal irgendwo im Norden Deutschlands war. Überhaupt habe ich für die Jüngere, (die Du mal an Frl. Dr. Erika Hoffmann? empfohlen hast) eine besondere Vorliebe. Sie ist jetzt [über der Zeile] Leiterin in einem [über der Zeile] Kneipp-Erholungsheim für Kinder, wie alle Angestellten überlastet und unterbezahlt; dabei ist es auch nur ein Privat-Unternehmen, also keine Sicherheit auf Dauer. So geht es allen, die durch Kriegsschicksal aus der Bahn geworfen wurden.
Wenn ich all die Schwierigkeiten sehe, die so viele Menschen, die mir lieb sind und die ich als tüchtig kenne, bestehen müssen, dann fühle ich immer doppelt das gütige Schicksal, das mir so unverdient geschenkt ist. Du weißt, wie dankbar ich dafür bin, aber noch
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| schöner wäre es, wenn ich mirs selbst verdient hätte! Statt dessen werde ich von Tag zu Tag unfähiger.
Im Anschluß an Deinen lieben Bericht von der Schweizerreise habe ich das schöne Buch von Wilhelm SchäferPestalozzi –, das Du mir 1917! schenktest, wieder gelesen und habe gesehen, daß unsre heutigen Verhältnisse garnichts Ungewöhnliches sind, nur hatten wir gerade eine unerhört lange Periode des Friedens im Anfang unseres Daseins. Du aber bist berufen, das Erbe dieser Zeit neu belebt in die Zukunft hinüber zu retten. Wie glücklich bin ich darüber, daß Deutschland jetzt zu erkennen scheint, was Dein Einfluß bedeutet.
Es wäre schön, wenn auf der Rückreise von Hamburg ein – wenn auch kurzes Wiedersehen
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| am Bahnhof möglich wäre! Ganz besonders froh würdest Du mich machen, wenn Du [über der Zeile] sonst auch ein etwas längeres Sehen einrichten könntest. Eigentlich bin ich noch gar nicht weihnachtlich ge­stimmt! Aber ein Besuch steht mir bevor, nämlich die Tochter von Heinrich Eggert, die in Stuttgart an einer Bibliothek für Kinder tätig ist. Sie hat mir für ihr Kommen zur Wahl gelassen: den Sonntag vor Weihnachten, das Fest selbst und den Sonntag danach. Da ich nichts Bestimmtes vorhatte, überließ ich ihr die Entscheidung, empfahl aber die Feiertage selbst, falls sie keine eigentlichen Ferien hat, da sie dann doch länger bleiben kann. Trudel stellt mir das Zimmer wieder zur Verfügung. Ich erwarte nun ihre Antwort. Wenn wir uns auch noch nicht kennen, denke ich doch, es wird ihr lieb sein gerade jetzt nach dem Tode des Vaters bei persönlich interessiertem Menschen zu sein.
<li. Rand S. 1>
Doch nun Schluß für heute mit den "dreierlei" Grüßen und vielen treuen Wünschen. In freudiger Erwartung der erhofften Begegnung
Deine Käthe.