Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Dezember 1952 (Heidelberg)


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Heidelberg. Weihnachten 1952
Mein liebes Herz!
Nun ist das Fest unerwartet schnell herbeigekommen und ich bin doch so garnicht darauf gerichtet. Meine Gedanken waren mit Dir auf Reisen und hier, bei Bedenken und Schwierigkeiten. Lange schon hatte ich auf dem Plan, den üblichen Kalender mit Schneerosen zu verzieren, die eine so rührende zarte Blume sind. Aber ich habe keine Naturstudie und nun war gerade die erste, frühe Blüte erfroren und es gab keine! Überhaupt war um mich eine ungewohnte Unruhe von Besuchen – immer wenn ich eine stille Stunde zur Arbeit zu haben hoffte. So mußt Du leider Geduld mit mir haben, bis das Machwerk in einigen Tagen fertig wird.
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Von Dir ist schon ein Brief da, in dem ich eine Nachricht Eurer glücklichen Rückkehr erhoffte, er war aber offenbar erst für Weihnachten gedacht, in zartem Papier mit goldenen Sternen und so legte ich es zurück für die stille Feierstunde am 24. – Den Abend werde ich ja dann hoffentlich in gewohnter Weise allein verbringen können. Wann mein Besuch am 25. eintrifft, ist noch nicht bestimmt.
Wie mögt Ihr gereist sein, und wie war es in Hamburg? Vorher hattest Du noch so getreu daran gedacht, mir wieder wie immer die Unterstützung zu schicken, und ich danke Dir sehr dafür. Denn Du wirst Dir denken, daß der Dezember ein kostspieliger Monat ist, selbst für meinen sagenhaften Geiz. Wie sollte das gehen ohne Deine Hülfe!
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Bei der Soforthilfe mußte eine neue Eingabe gemacht werden, die mir viel Mühe verursachte, und Bedenken, ob ichs auch richtig machte, sodaß der Staat einsieht, daß er mir alten Person doch einiges ersetzen muß, was ich unverschuldet verloren habe. – Es geht mir ja durch Deine Hülfe so unverhältnismäßig gut; aber ich wäre doch herzlich froh, wenn ich Dich möglichst entlasten könnte.
Früher, als ich noch ohne Bedenken leichtsinnig sein konnte, wäre ich am Samstag nach Mannheim gefahren, Euch auf der Durchreise zu treffen. Jetzt wollte ich – so unwahrscheinlich die Aussicht war, wenigstens den Versuch machen, ob Euer Wagen doch hier durchkäme. Aber auf dem Bahnhof wurde der Zug angesagt für KarlsruheBasel, und so machte ich Kehrt
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| und ging aufs Soforthilfe-Amt, mein Schriftstück abzuliefern. – Ist das ein Weihnachtsbrief? Und wirst Du Zeit haben, dies Geschreibsel zu lesen?
Meine Gedanken kreisen um die Möglichkeit des Wiedersehens am 28. – Wie wirst Du bestimmen? Bei dem abscheulichen Wetter der letzten Tage wollte mir das Treffen in unbekanntem Ort bedenklich erscheinen. Überhaupt macht es mir Sorge, ob es nicht eine zu arge Zumutung für Dich ist, die dauernde offizielle Unruhe des Reisens auch noch freiwillig zu vermehren? Wie wäre es, wenn Du mit dem Vortrag in Mannheim einen entsprechenden etwas verlängerten Aufenthalt hier verbinden könntest? Im Interesse Deines Befindens hätte ich gern Geduld. Mir persönlich machte eine Bahnfahrt von 2 Std.
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| wirklich nichts aus. Von Bietigheim selbst habe ich absolut keine Vorstellung. – Aber vielleicht hast Du diese Fragen inzwischen schon beantwortet. –
Heute hatte ich ein Weihnachtserlebnis ganz unvermutet. Ich hatte schon von der Ferne ein wenig erfreuliches Gedudel gehört, und sah dann an der Ecke einen Blinden mit einer Ziehharmonika. Als ich ihm meinen Groschen verabfolgt hatte, stimmte er, wie auf Bestellung, ganz rein und sanft an: O Tannenbaum – – was mein Vater immer in Pankow bei der Bescherung auf dem Klavier spielte, – da stürzten mir plötzlich Tränen aus den Augen, was sonst bei mir garnicht mehr vorkommt. Es gibt eben Schmerzen, die nie verwunden werden.
Auch sonst merke ich immer wieder, daß Gefaßtheit und Seelenfrieden etwas ist, das
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| immer wieder plötzlich versagt und neu errungen werden muß. Man würde wohl sonst zu selbstgewiß in seiner inneren Ruhe. Und doch meint man, mit achtzig Jahren müßte man einen gesicherten Besitz errungen haben! Aber in stets neuer Gestalt kommt der "Kampf mit sich selbst". Bin ich christlich? Lebe ich nicht in einem ganz egoistischen Behagen, ganz besonders unterstützt von liebevollen Ermahnungen Wohlmeinender?!
Gerade augenblicklich bin ich recht durchdrungen von meiner Unzulänglichkeit, nicht nur physisch! Man hat mir bereits jetzt von so vielen Seiten weihnachtliche Grüße gespendet, daß ich ganz beschämt bin. Und statt einer Erwiderung genieße ich jetzt täglich den guten Kaffee, der sich reichlich einstellt und helfe damit den etwas schwächlichen Nerven auf. Ich habe mich resigniert und genieße die treue Gesinnung,
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| die sich darin ausspricht. Aber es steht mir doch immer vor Augen, wieviel ich Anderen schuldig bleibe, allmälig wächst die Schuld lawinenartig, vor allem auch in der Korrespondenz. Nur bei Dir, mein liebes Herz, bedrückt es mich nicht, denn Dir gehört meine ganze Seele. Und mehr habe ich nicht zu geben.
Und damit mußt Du Dir denn also genügen lassen, auch heute. Also sei in immer gleicher treuer Liebe gegrüßt von
Deiner
Käthe.