Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Februar 1953 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>

6.II.53.
Meine einzige Freundin!
Heute wird der Einzug der neuen Wohngenossen erfolgt sein. Was Du mir darüber schreiben konntest, hat mich sehr beruhigt. Inzwischen wirst Du auch den Mann kennen gelernt haben, der ja nicht unwichtig ist. Ich rate, nicht allzu "abwartend" zu sein, sondern von Anfang an den Willen zu einem netten und gegenseitig hilfsbereiten Zusammenwohnen kundzugeben. Dann kann die Veränderung ihren Segen haben.
Kein kleiner Teil des Briefschreibens in späteren Jahren ist dem Beileidbezeugen gewidmet. Nach Friedas Tode findet Alice endlich wieder einen verwandtschaftlichen Ton. In diesen Tagen ist hier ein Prof. Schleiermacher mit 95 Jahren gestorben. Aber ans Herz gegriffen hat mir der Tod von Johanna Kiehm. Sie war mir in 40 Jahren eine treue Freundin im schönsten
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| Sinne des Wortes. Zu Weihnachten war noch keine Rede davon, daß sie leidend war. Es muß aber doch ein schon älteres Herzleiden so schnell zum Ende geführt haben. Ihre Schwester Käthe war immer die Hilflosere und wird es sehr schwer haben. –  –
Germersheim ist nun auch mit erfreulichen Eindrücken hinter mich gebracht. Ich habe an jenem unwahrscheinlich frühlingsmäßigen Sonnentage die Reise nach Karlsruhe angetreten und dort in dem mir bekannten Hôtel übernachtet. Am Samstag 8 Uhr holten mich 2 Studentinnen mit dem Auto der Dolmetscherakademie ab. 1 Stunde Fahrt durch absolut trostlose Gegend. Die Stadt ist noch trostloser. Etwa 300 Zuhörer, hinterher lebhafte Diskussion, Zusammenessen mit dem angenehmen Rektor Schramm. Nachmittags in kleinerem Kreise noch einmal 1½ Stunden Gespräch. Um 16 Abfahrt mit dem Auto. Als ich um 17 in Karlsruhe auf den Zug wartete, goß es schon in Strömen. (Das ging dann in den schneereichen
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| Sonntag über.) Im Zuge von Stuttgart traf ich Wenke, der von Erlangen kam und von Hans R.G.G. erzählte. Um 21½ war ich zu Hause.
Morgen nachm. ist Rektorfest der Universität, das wir wohl beim Beginn des Tanzens verlassen werden. Außerdem sind zum Wochenende nicht weniger als 4 meist alte Damen zu erwarten, darunter am Sonntag Frl. Krogner (Marienbad), die sich verabschieden will, ehe sie als Pensionierte von Ulm an die oesterreichische Grenze übersiedelt.
Am 14.II. habe ich noch in Stuttgart für die Freunde des humanist. Gymnasiums zu reden (ohne Übernachtung.) Dann kommt bald das Ende des (letzten) Semesters mit den allzu schweren Hegelübungen.
Am 27.II – schon vor Mannheim am 28.II.) habe ich eine Sitzung in Heidelberg, die nachm. beginnt. Ich hoffe, daß wir vorher zusammen Mittag essen können. Auch will ich versuchen, es so einzurichten, daß ich bei Denner wohne und nur nach Mannheim hinüberfahre.
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| Ob dann noch eine kleine Allonge herauskommt, hängt von den Kräften ab, von denen doch immer nicht wenig verlangt wird.
Es schneit auch heute, was vom Himmel will, so daß es fraglich ist, ob Frl. Krogner übermorgen mit dem elenden Zug (über Blaubeuren) über die Alb kommt.
Ich freue mich, daß Du vorsichtig bist. Gut wäre es, wenn Du Dir für diese Jahreszeit "Cebion forte" verschaffen könntest, d. h. Du mußt es kaufen. Das beugt vor. Auch Apfelsinenessen ist ratsam. Und so lange es draußen glatt ist, bringen vielleicht die jungen Mädchen für ein paar Bonbons das Nötige "vom Kaufmann" (alter Berliner Ausdruck!) mit.
Innigste Grüße, denen sich S. (mit einem neuen Abendkleid begabt) und Ida (schneeschaufelnd) wie stets anschließen.
Dein
Eduard.