Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. April 1953 (Überlingen)


Die merkwürdige Geschichte von der Reichenau.

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Überlingen, den 13. April 53
Am Donnerstag 9.IV. mittags kamen wir per Omnibus von Stockach hier an. Gleich nachmittags wurde das Wetter schlecht, und so blieb es auch am Freitag. Am Samstag wartete ich auf Korrekturen. Sie kamen tatsächlich, und ich hatte an ihnen von 15–19. zu tun, während Susanne mit dem Schiff nach Unter-Uhldingen fuhr und zu Fuß zurückging. [li. Rand] { auch schon gutes Wetter.
Gestern, Sonntag, hatte sich das Wetter [über der Zeile] ganz zum Guten verändert. Es war den ganzen Tag über sonnig und warm.
Wir fuhren um 7.45 nach Dingelsdorf über, gingen von dort über Dettingen nach Allensbach. (2½ Stden in ruhigem Tempo.) In Allensbach war Erstkommunion (Weißer Sonntag.) Niemand strebte nach der Reichenau hinüber. Schließlich fuhren wir für 2 M allein! Auf der Insel war es auffallend still.
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Aus guten Gründen ging ich zuerst (um ½ 12) zur Christel Sauter. Die empfing uns im Hausflur stehend. (Es war Kommunionsfeier eines Enkels.) Auf meinen Namen kam sie nicht mehr. Vom "Mohren" erzählte sie, daß Frommherz im Begriff sei, wieder zu heiraten, und zwar eine flotte Hôtelbesitzerin in Diez. Den "Mohren" müsse (!) er dann an den Schwiegersohn übergeben, der vorläufig noch in Freiburg sei. Hannelore würden wir zu Hause treffen (hat 3 Kinder.) Wir sahen uns den "Mohren" von außen an, der ganz tot wirkte. Nicht 1 Auto, kein Kommen und Gehen. Obwohl wir der Christel gesagt hatten, daß wir dort einkehren würden, beschlossen wir, dies zu unterlassen.
Wir besuchten noch die "Eigentlichen" auf dem Friedhof – Vater Welte, Emmy, Franzel und den Dr. Flesch. Die "Kaiserpfalz" [über der Zeile] (1930!) sah auch nicht einladend aus. So gingen wir ans Schweizer Ufer. Dort ist die bescheidene "Seeschau" zu einem ansehnlichen Hôtel ausgebaut worden. Dort war eine Ansammlung von Autos.
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| Essen und Bedienung waren gut.
Um 13½ fuhren wir mit dem Postauto vom ebenfalls umgebauten Löchnerhause ab, bis Wollmatingen. Dann wieder zu Fuß an der kleinen Kapelle vorbei nach St. Katharina. Dort Kaffee. Leider habe ich dann (wie wir beim 1. Mal) einen falschen Weg nach der Mainau eingeschlagen, der an sich sehr schön war, aber die halbe Stunde ausmachte, durch die das Unternehmen anstrengend wurde.
Für das "Durchrennen" durch die Mainau mußten wir 2 M an die Schwedische Kasse bezahlen. So erreichten wir gerade den – von der Mainau aus letzten! – Dampfer und waren um 17¼ zu Hause.
Die Tour – im ganzen doch 4½ Stunden zu Fuß – ist mir gut bekommen. Ich habe mich überhaupt schon erholt. Für die Kasse ist heute auf Reisen keine Erholung.
Vorgestern ist also in Tübingen die Hochzeit Emil HorrerInge Tierok gefeiert worden. Wir hatten ein Alibi.
Bei der Abfahrt von T. traf ich dort noch die beiden unangenehmsten Leute, die ich hier [über der Zeile] in T. kenne. Wenige Stunden nach der Ankunft hier meldete sich ein auswärtiger Kollege ähnlicher Qualität.
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Heut ist es farblos, mit Regenneigung. Es soll ohnehin Ruhetag sein.
Wir werden – gemäß Plan – am Freitag 17 Uhr hier abfahren.
Dein lieber Brief begrüßte mich als erster. Herzlichen Dank! Du kannst Dir ausmalen, wie ich auf jedem Weg, bei jedem Hause, bei jedem Baum an unsre unsagbar schönen Wanderungen denke. An diesem inneren Besitz kann auch die völlig veränderte Reichenau nichts ändern. Offenbar ist sie jetzt schon wieder aus der Mode gekommen. Die Blüte ist noch nicht ganz heraus – aber es will doch alles blühen. So blüht auch unser Herzensbund unverwelklich.
Das Buch für Wenke ist meinerseits mit der Erledigung der Korrekturen fertig. [re. Rand] } cf. 1914 auf der Mainau. Wahrscheinlich ist bis zum 22.IV wenigstens ein Exemplar fertig.
Hier möchte ich (wenigstens) den Weg EspasingenBodmanKargeggWallhausenDingelsdorf noch machen, hoffentlich bei trockenem Wetter; denn da sind Stellen, wo man schwindelfrei sein muß.
Um diese Zeit sind es genau 40 Jahre, daß wir zuerst auf die Insel <li. Rand> kamen! Wir beide grüßen Dich herzlichst und wünschen ruhige – nicht anstrengende – Tage in der Blütezeit.
In wärmsten Gedenken Dein
Eduard.