Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Mai 1953 (Tübingen)


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Tübingen, den 22. Mai 53.
Meine einzige Freundin!
Ein schönes Pfingstfest auf sonniger Bank! Was hast Du vor? Wir eigentlich garnichts. Vielleicht morgen Nachmittag nach dem Traifelberg, gegenüber vom Lichtenstein. Jedoch ist vor 5 Minuten eine Karte von Glasenapps gekommen, daß sie ein paar Tage in Freudenstadt sind. Da müssen wir eigentlich hinfahren. Sonst habe ich auch in den Festtagen viel zu arbeiten, da 3 neue Vorträge zu machen sind für Bonn, Zürich und Bern. Diese "Gelegenheitsarbeiten" werden mir allmählich lästig.
Die Loslösung vom Leben der Universität ist schwer. Mit dem Seminar, das ich noch halte, klappt es so schlecht, daß ich gestern schon ent
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|schlossen war, es aufzugeben. Die erhofften Spitzenkräfte sind ausgeblieben. Mit Anfängern kann ich so Schweres nicht machen. Gestern wollten sich gleich 3 von den Hauptträgern beurlauben. Als ich schwere Verstimmung zeigte, blieben wenigstens 2. Aber im ganzen lohnt sich diese Arbeit nicht.
Am 24. Mai (Stunde unbekannt) soll etwas von mir durch den Rundfunk gesendet werden. Wahrscheinlich Beromünster, da es einen eigenen Sender Bern wohl nicht gibt. Gibt es diesen, dann wohl Bern. Du siehst, wenn ich so etwas geliefert habe, bleibt man mir jede Nachricht schuldig.
Am 24. Mai ist auch der Geburtstag der guten Frau Biermann, Kronberg, Oberurselerstr. 12.
Eben kommt die Witwe von Felix Krueger (Leipzig) aus Basel. Ich werde sie eine Viertelstunde sprechen.
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Die Blätter der beiden Gingkos vor meinen Fenstern sind erfroren. Sie werden nun den ganzen Sommer in häßlichem Gelb vor mir stehen. Auch sonst ist überall viel Schaden, z. B. an den Buchen im Schönbuch, wo wir zweimal einen kleinen Spaziergang gemacht haben.
Ein Gericht in Osnabrück (!) nötigt mich zu einem kinderpsychologischen Gutachten. Das ist verantwortlich und kostet auch wieder einen ganzen Tag.
"Neues" gibt es aus diesem Nest weiter nicht zu berichten. Ich hoffe, daß ich Dich auf der Durchfahrt am Sonntag 31. Mai nachm. 5 Minuten sehen kann. Den Zug teile ich noch auf einer Postkarte mit.
Viele herzliche Pfingstwünsche von dem gesamten Betrieb und innige Grüße von Deinem
getreuen
Eduard.