Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Juni 1953 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>

11. Juni 53.
Meine einzige Freundin!
Bei der Rückkehr gestern Abend fand ich Deinen lieben Brief und freute mich vor allem über Dein angenehmes Zusammensein mit Hermann.
Meine beiden Vorträge in der Schweiz (beide Male mit Diskussion in kleinem Kreise am folgenden Tage) sind voll geglückt. In Zürich wie in Bern hatte ich je 600 Hörer. Für das Gelingen muß ich um so dankbarer sein, als mein Kräftezustand miserabel ist. In Zürich war außerdem Föhn, und ich habe vor dem Reden unbeschreibliche Qualen durchgemacht, immer in der Befürchtung, auf dem Rednerpult umzufallen. Auch in Bern war schreckliches Klima; aber es ging leichter, obwohl ich dort kein fertiges Ms. hatte. Jetzt nehme ich das mir verschriebene Purostrophan – also wohl ein Herzmittel.
4. Juni mittags Ankunft in unsrem
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| Hôtel Central. Nachm. mit Zollinger allein in der Trichtershausener Mühle. Sie war beim Enkelchen in Uster und kam erst abends in ein Restaurant. Z. ist leider so schwerhörig, daß er kaum im Zusammenhang der Unterhaltung bleiben kann, wehrt sich aber gegen Apparat.
5. Juni  20 Uhr Vortrag in der Aula der Techn. Hochschule, nachher Zusammensein mit Kollegen.
6. Juni früh 2 Stunden Diskussion ohne besonderes Niveau. Um 15 Uhr Abfahrt nach Bern. Abends dort allein.
Sonntag 7. Juni mit dem neuen Freunde Jeangros Bergfahrt auf den nahen Gurten (800 m.) Mittags in seinem Hause; nachm. ganz entzückender Spaziergang von Elfenau an der stark strömenden Aare entlang nach Tierpark an ihrem Ufer.
8. Juni vorm. Besuch auf unsrer Gesandtschaft. 17 Uhr Vortrag; anschließend Einladung zum Abendessen mit 10 Kollegen. Sehr angenehm; früher Schluß.
9. Juni  9 Uhr Diskussion von bemerkenswert hohem Niveau. Besuch des Kollegen Arthur Stein in Muri,
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| noch einmal allein an der Aare entlang. Nachm. allein Spaziergang auf dem anderen Ufer der alten Stadt.
10. Juni  8½ Abfahrt, Ankunft in Tübingen 16.30. Erdrückender Berg Post. Mittasch in Heidelberg ist in höchstem Alter gestorben. Ergreifender Brief von Meinecke.
11. Juni  16–18 Seminar.
Ich verstehe nicht recht, daß Deine Mitbewohnerrechte auch nur eine kurze Zeit lang unbestimmt bleiben konnten. Die Leute sind entweder ungewöhnlich dumm oder krakehl süchtig. Hingegen verstehe ich sehr wohl, daß Du Dich darüber sehr aufgeregt hast, und ich wünschte, daß es nun wirklich Frieden gibt. – –
Wenn es mir meine Kräfte gestatten, komme ich wieder am 19.6. auf dem Wege nach Godesberg durch Heidelberg. Es muß erheblich viel von den Verpflichtungen abgebaut werden.
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| Aber es gelingt nicht. Wer heute einmal in der Zange ist, den kneift sie allmählich zu Tode. Die Durchreisenden allein!
Es will nicht mehr gehen. Sei mir herzlichst gegrüßt! Hoffentlich auf baldiges Wiedersehen!
Stets Dein
Eduard.