Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Juni 1953 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>

28.6.53
früh.
Meine einzige Freundin!
Der Reihe nach: Gestern früh goß es so in Strömen, daß man die "Flucht" hätte aufgeben müssen. Wir entschieden uns für – Stuttgart (statt Traifelberg), und unterwegs, bei der Fahrt an dem weit aus den Ufern getretenen oberen Neckar, kam mir ein guter Gedanke. Wir fuhren mit dem Omnibus in 25 Min. nach der Solitude, die Susanne noch nicht kannte. Dort ließ der Regen 2 Stunden nach, so daß wir uns etwas draußen umsehen konnten. Im Schloßhôtel aßen wir Mittag. Dann zu Fuß durch den schönen, aber von Seen erfüllten Wald nach Botnang. Mit der Elektrischen nach Stuttgart Hauptbahnhof. Kaffee in der Nähe. Auf der Rückfahrt unterbrachen wir noch in Metzingen und kehrten in dem Hôtel Sprandel ein, wo ich im vorigen Jahr den Beitrag für die Meinecke-Festschrift geschrieben habe. Zu Hause um 19¼.
Ida hatte keinen zu schweren Stand
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| gehabt. Es waren nur wenige Besucher da gewesen, u. a. Hillgenberg, den wir am Bahnhof noch trafen. Aber besonders schöne Blumen, natürlich viel weniger als 1952. Zum Schluß hatte Ida noch ein Ständchen der Evangel. Studentengemeinde entgegengenommen.
Nun erst machte ich Deine liebe Sendung auf und verweilte mit stillem Glück bei Deinem Brief (Briefen.) Daß das immer der Zentralpunkt des Tages ist, weißt Du. Ich antworte auch nur ganz still, nicht mit Worten. – – Dann betrachtete ich das schöne Werk Deiner "Kunstfertigkeit", mit dem Du Dir so viel Mühe gemacht hast. Umrahmt ist es von unseren – 3 Klöstern. Denn auch Heidelberg war für mich immer der liebste Ort der Geborgenheit. Deshalb habe ich auch mit der offiziellen Stadt nie Verbindung gewonnen.
Auch die Chokolade war sehr willkommen. Ich nehme jetzt maßvoll Cordalin. Es geht mir besser; aber die Zustände, an denen natürlich auch das Wetter, bzw. Klima beteiligt ist, bleiben merkwürdig. Man muß mit Vorsicht abwarten, ob sie sich noch ändern, oder ob die Vorsehung entscheidet: "nun genug mit dem öffentlichen Wirken!"
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Ich habe bisher nur einen Teil der Briefe gelesen; denn nicht alle sind so kurz wie der von Lili Scheibe. Die Geschenke halten sich erfreulicherweise in maßvollen Grenzen. Besonders schön ist das Schreiben meines Assistenten (a. D.) Dr. Fetscher.
Heute erwarten wir Claus Wallner jr, der in einer Glasmalereiwerkstatt in Rottweil gearbeitet hat und über Tübingen nach Hamburg zurückkehrt. Morgen kommt der Präsident der Bremer Wittheit Prof. Entholt. Wenke haben wir in Stuttgart von Ferne gesehen, wo er 3 Tage Sitzung hat. (!)
Es ist jetzt nur noch ein Vortrag in Sicht: "Erinnerungen aus 5 Epochen der Deutschen Geschichte", am 10. Juli für die hisige Studentengemeinde. Das Seminar hat sich ein wenig eingespielt. Den vollen Rest meiner Zeit nimmt die Korrespondenz in Anspruch.
Einen geeigneten Ort in der Schweiz haben wir noch nicht gefunden; vielleicht ist es auch besser, einmal in ein richtiges Bad zu gehn.
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Ich lasse hier noch Raum für eventuelle Notizen nach der Beschäftigung mit den Briefen. Vorläufig schließe ich mit dem innigsten Dank für alles, was sichtbar und unsichtbar von Dir kommt und seit einem halben Jahrhundert mein Leben trägt.
Susanne, von der ich einen sehr willkommenen Kugelschreiber erhalten habe und (indirekt durch Jenny) ein Bild mit den 3 Brüdern aus dem Jahre 1892 etwa, ebenso Ida grüßen herzlichst.   AEI   Dein Eduard.

17½: Es waren noch einige Besucher da. Claus W – ein früher Greis, seit 1949 eher zurückgegangen als vorwärts – obwohl er mehr in sich zu haben scheint; jedenfalls für uns tödlich langweilig. Dann die Familie Wais.
Wohl nachdem Frau Biermann (zu meiner großen Freude) bei Dir gewesen ist, hat sie Frau Dessoir in Königstein besucht; sie war wenige Stunden vorher – ganz vereinsamt – gestorben.
Auf m. Schreibtisch stehen wieder Rosen von Dir, die – trotz der Reise noch ganz hübsch frisch sind.
[li. Rand] Postanweisung geht morgen oder übermorgen ab.