Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9./10. Juli 1953 (Tübingen)


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Tübingen, 9.7.53
Meine einzige Freundin!
Dies ist der neue Kugelschreiber, der sich vorstellt. Er hat nicht viel Neues aufzuzeichnen. Die planmäßig durchgeführte Schonung schneidet auch vom Leben ab. Eigentlich kommen nur noch die Auswärtigen und Ausländer, denen man eine Zeit zur Verfügung stellen muß. Einen Vortrag für morgen habe ich abgesagt. Das Seminar ist das einzige Verpflichtende, das noch abrollt. Spaziergänge verbieten sich durch schlechtes Wetter und Müdigkeit. Am Samstag waren wir auf Felsen und im Hôtel Traifelberg, gegenüber dem Lichtenstein – von 1–6. Das ist immerhin eine Höhe bis zu 800 m. Und es regnete nicht.
Ich bin jetzt bei dem 4. Herzmittel angelangt. Das vierte, seit
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| Gestern, ruft wenigstens keine neuen Erscheinungen hervor, führt höchstens zu den alten (Blutdruck) zurück. Die Zustände wechseln täglich. Der partielle Verzicht auf Arbeit, Rauchen, Kaffee, Wein setzt das allgemeine Lebensgefühl weiter herab.
Die Last von wohl 150–200 Geburtstagsbriefen beginnt leichter zu werden. Ist das aber eine Erfüllung des Lebenssinns? Das ganze vergangene Leben schlägt auf einen zurück. Auch das kann zum niederdrückenden Sklaventum werden. Zum ersten Mal muß ich sagen: ich schaffe nicht mehr, was auch nur zum Lebensablauf gehört.
Wir haben nun für den August Hohfluh bei Brünig ins Auge gefaßt. 1050 m – das wird gerade noch gehn. In der Nähe ist Geheeb mit seiner Schule.
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10.7.53.
Abends sacke ich immer sehr früh ab. Früh morgens schreibe ich 2 Stunden an meinen Rektoratserinnerungen: "Das Ende der Friedrich-Wilhelmsuniversität Berlin." Daß muß aber einmal geschehen. Aber Du kannst Dir denken, daß das Wiederheraufrufen all der Nöte und Konflikte auch keine rosige Stimmung hervorruft. Dazu die Steuererklärung!!
Hoffentlich ist Deine Tour nach Waldhilsbach gut verlaufen. Nur keine Überanstrengungen!
Frl. Silber ist schon in der Schweiz. Wir hoffen, sie dort noch einen Tag zu treffen. Ich bin noch nicht sicher, ob ich zu den Sitzungen in Münster am 31.7. u. 1.8. fahre. Die Fahrt dauert jedesmal 12 Stunden – in den Tagen des größten Reiseverkehrs!
Morgen ist eine Konferenz in Bebenhausen wegen der Schellingfeier 1954.
Heute steht in der Zeitung, daß Frau Geheimrat Maier gestorben ist. Sie
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| ist erst vor ca 4 Monaten hierhin übersiedelt. Sie soll kaum noch jemanden erkannt haben. Wir sind daher nicht bei ihr gewesen.
Die beiden Inder, mein Schüler u. Promotus von 1926 Prof. Hussain aus Dehli mit s. Frau sind seit einigen Wochen hier. Susanne kümmert sich mehr um sie als ich.
Nun genug der Einzelnachrichten und nur noch die Hauptsache: meine innigen Wünsche für Dein Wohlergehen und viele Grüße, auch von Susanne und Ida!
Dein getreuester
Eduard.

[] Dank für das Zeitungsblatt!
[Fuß] Das Haus ist zum 27.7. an einen Dr. Giering vermietet, der bei mir in Berlin den Doktor gemacht hat.