Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Juli 1953 (Tübingen)


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Tübingen, den 19. Juli 53.
Meine einzige Freundin!
Du hast mit Recht an unsere beiderseitige exponierte Situation am 14./15. Juli vor 7 Jahren erinnert. Es ist auch aus diesem Negativen manches Positive herausgekommen – unter anderem dies mir sehr Wertvolle, daß wir uns viel häufiger sehen konnten, als es von Berlin aus jemals möglich gewesen wäre.
Die Umstände, in denen ich seit dem 11. Juni existiere, sind auch nicht schön. Dadurch, daß ich mich von jedem Vortrag, ja fast von jeder Sitzung fernhalte, entsteht natürlich das Gefühl, schon ganz neben dem Leben zu stehn. Nur die Post kommt in gewohnter erdrückender Fülle bei meist geringem inneren Wert. Das 4. Herzmittel, das mir nicht mein Pseudoarzt, sondern
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| Herr Niemeyer bei zufälliger Begegnung empfohlen hat, Hydergin, hat entschieden geholfen und nicht, wie die früheren, neue Nebenerscheinungen hervorgebracht. Außerdem nehme ich Knoblauchpillen. Kaffee ist bis auf eine Tasse täglich herabgesetzt, der Zigarrenkonsum um ⅓. Ich mache schon von 10 Schluß, arbeite früh morgens 2 Stunden an dem ärgerlichen, aber notwendigen Werk und für sonst nur das Notwendige. Spazierengehen ist hier immer mißlich gewesen, in diesem überelektrischen Sommer aber geradezu schädlich. Für die Ausfüllung der Zeit sorgen die vielen Durchreisenden: Griechen, Japaner, Inder beider Rassen samt inländischen Kollegen und Studenten. Heute z. B. war ein reizender junger Inder aus Kalkutta bei uns. Hingegen ist das indische Ehepaar aus Dehli eine etwas langweilige Gesellschaft, für die mir auch jetzt noch die Zeit eigentlich zu schade ist. Solche Leute erinnern sich nach Jahrzehnten genau dann, wenn sie
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| wieder etwas wollen. Neulich freute ich mich über den Brief eines Chinesen aus Trinidad (Westindien.) Prompt 6 Wochen danach stellt sich heraus, daß er eine Empfehlung von mir für eine Dozentur in Singapore haben wollte. Ich selbst habe (mit anderen) eine wirklich verlockende Einladung zum September nach Durham in England mit anschließendem London erhalten. Aber nach den Erfahrungen mit den Anstrengungen der überflüssigen Reise nach Stockholm habe ich dankend abgelehnt. Ob ich nach Münster fahre, hängt teils vom Befinden, teils von der Tagesordnung ab. Am meisten schreckt mich dabei, daß um den 31. Juli herum die schlimmste Reisezeit ist.
Was Du über Hohfluh mitteiltest, war mir sehr wertvoll. Mir ist alles ganz sympathisch – nur bin ich etwas in Sorge, ob ich die 1050 m noch aushalte; und der Föhn ist natürlich auch nicht erwünscht. Frl. Silber ist jetzt schon in der Schweiz. Sie will ihren Aufenthalt verlängern und auch für 5 Tage nach Hohfluh kommen. So ganz lieb ist mir dies nicht; denn im Anfang
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| wollte ich ganz faul sein. Aber es ist ja vielleicht dafür auch wieder eine Anregung, und Frl. Silber ist immer sehr rücksichtsvoll. Hedwig Koch reflektierte gleichfalls auf eine Begegnung in der Schweiz. Diese funktioniert aber nicht. Und beinahe das Wichtigste ist mir doch, einmal für 3 Wochen von der ewigen Termingebundenheit los zu kommen.
Wenke hat viel Mühe und sehr viel Ärger mit seinem Rektorat. Man sieht ihn kaum. Bollnow stellt sich in allem etwas schwerfällig an. Die Liste für Krügers Nachfolge scheint in diesem Semester noch nicht fertig zu werden. Lauter weithin unbekannte Namen. Ich habe aber doch, zu Susannes Betrübnis, meine Vorlesungsankündigung für den Winter zurückgezogen. Bleibt nur ein kleines Seminar.
Die Steuererklärung (= größte Nervenqual nächst Geburtstag und Neujahr) ist auch fertig. Ich werde allmählich wieder ein bißchen mehr Mensch. Aber der Knacks ist natürlich da.
Es freut mich, daß es bei Dir nicht mehr so "wüst" zugeht. Ist Frau Buttmi wieder ganz gesund? Die Schulvertretung hat sie wohl gleich wieder aufgeben müssen?
Hoffen wir beide auf endliche Besserung des Wetters! Bis zum 31.8. muß es doch wohl <li. Rand> freundlicher werden!
Mit der ganzen Belegschaft grüßt Dich innigst
Dein wackliger
Eduard.