Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. August 1953 (Hohfluh)


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Hohfluh, 15.8.53
früh.
<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>
Meine einzige Freundin!
Obwohl ich immer auf Schicksalswendungen gefaßt bin, war das doch ein großer Schreck! "Schultergelenk verletzt" – das kann heißen "gebrochen", verrenkt, gezerrt – jedenfalls bedeutet es einen schweren Choc und viele Schmerzen. Später einmal will ich fragen, wer sich Deiner angenommen hat und wie man Dich zuerst behandelt hat. Jetzt ist mir vor allem wichtig, wie es im gegenwärtigen Zeitpunkt geht. Ist ein Gipsverband gemacht und kannst Du mit ihm auch aufrecht sitzen, was doch zweckmäßig wäre? Sind noch Schmerzen? Kannst Du schlafen? In erster Linie: wenn Du es für gut hältst, daß ich sofort komme, laß es mich ohne Bedenken [über der Zeile] in Bezug auf mein Fernsein wissen. Ich sende Dir mal zunächst durch die Bank 50 M (wahrscheinlich im Brief.) Mehr kann jederzeit folgen. Beantrage Verlegung in andere Klasse auf meine Kosten.
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Ich danke der verehrten Frau Buttmi herzlich für ihr Schreiben. Wenn sie auch weiter noch die Güte hätte, zu vermitteln, wäre ich ihr von Herzen dankbar, obwohl sie ja selbst eine Fülle von Pflichten hat und die Chirurg. Klinik, so viel ich weiß, recht entfernt liegt. Schmeil ist in Gastein, sonst würde ich ihn bitten, daß er für das Briefliche eine Sekretärin schickt. Vielleicht findest Du auch einen anderen Weg, um die gütige Frau Buttmi von der Anstrengung zu entlasten. Natürlich hätte ich ja doch, wenn es geht, etwa jeden 2. Tag ein kurzes Bulletin auf Karte. Wenn Du Dir Auslandskarten mitbringen läßt, schreibt sie vielleicht eine Hilfsschwester.
Eine Viertelstunde nach dem Vorfinden der schlimmen Nachricht brach hier ein gewaltiges Gewitter los und half dazu, den ganzen Lebenstonus zu verschlechtern. Ich habe auch den Arzt aus Meiringen befragen müssen. Die Herzsache ist nun einmal da. Den Blutdruck hat er (sorgsam) auf 160 statt, wie Wagenhäuser Anfang
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| Ende März, auf 210 festgestellt.
Bald nach der Abreise von Frl. Silber kamen Zollingers auf der Rückreise aus ihrer Sommerfrische für 3 Stunden hierher. Auch Paulus Geheeb, der 83jährige Bergsteiger, hat uns hier besucht. Nun wäre noch Erwin Jeangros aus Bern zu erwarten. Ort und Hôtel (incl. Verpflegung) gefallen uns gleichmäßig und dauernd. Ich freilich kann nichts von Belang unternehmen. Es ist, wie die Einheimischen bestätigen, in der Tat ein Föhnzusatz in der Luft hier. An einem Tage hatte ich die stechendsten Kopfschmerzen – etwas, das ich doch sonst nie gekannt habe.
Aber ich rede von mir und denke doch vor allem an Dich. Ich habe nicht alles Einzelne gefragt, was mich beunruhigt und was ich gern wissen möchte. Denn das würde Dich belasten. Aber ich muß mich darauf verlassen, daß Du mir alle Wünsche rückhaltlos und sofort mitteilen
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| läßt. Und zur Erreichung dieser Erleichterung für Dich und für mich scheue keine Kosten. Ich bitte Dich dringend darum.
In 10 Min. geht die Post. Deshalb breche ich ab. Susanne, ebenfalls sehr bestürzt, nimmt wärmsten Anteil und grüßt herzlich. Bitte grüße Du alle Freunde, die Dich besuchen, auch von mir.
In Besorgnis und Liebe
Dein
Eduard.