Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. August 1953 (Hohfluh)


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Hohfluh, den 16. August
Sonntag.
Vor 35 Jahren feierten wir Wundts
85 Geburtstag in Heidelberg.
Meine einzige Freundin!
Seit der schlimmen Nachricht bin ich innerlich nicht mehr zur Ruhe gekommen. Ich habe tausend Fragen, sehe dann aber ein, daß ich sie nicht beantwortet bekommen kann, ohne Dir indirekt Plage zu bereiten. Und so muß ich sie unterdrücken, um nur die Bitte übrig zu lassen, mir doch so oft Nachricht [über der Zeile] zu geben, wie Du es technisch machen kannst, ohne Deine Umgebung zu überbeanspruchen. Es ist ohnehin wenig, was man allein machen kann, wenn man auf den linken Arm beschränkt ist. Auch dann noch wird die beschädigte Schulter mitbewegt und macht wahrscheinlich Schmerzen.
Was ich zu Deiner Erleichterung tun kann – außer dem im gestrigen Brief Vorgeschlagenen – ist leider fast nichts. Ich will Dir möglichst oft schreiben; das bringt wenigstens eine kleine Abwechslung. Nur so bitte ich meine Briefe aufzufassen, nicht als ob ich die Ereignisse eines Ferienaufenthaltes für wichtig hielte. Ich besuche Dich gleichsam. Dabei redet man ja auch Alltägliches.
Also: Wir hatten diese Nacht wider ein mörderliches Gewitter und haben heute einen
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| gründlich verregneten Sonntag. Das Haus ist so geräumig, daß die fünfzig Vögel auf verschiedenen Stangen sitzen können. Es sind Schweizer, Niederländer, wenig Deutsche. Man ist freundlich zu einander, läßt sich aber in Ruhe. Was die Küche betrifft, so habe ich auch in "höheren Lagen" selten etwas so gleichmäßig Gutes gefunden. Das Zimmer ist klein, nicht gerade zum Schreiben gedacht.
Ein Wirtstöchterchen von 10 Jahren ist da, mit dem wir eben eine halbe Stunde gesprochen haben. Ihr Aussehn und die Situation erinnerten mich an Felizitas vor 37 Jahren. Die Wiederbringung aller Dinge – nur wir, die Erlebenden, sind verwandelt!
Ich habe hier eine Privatbank (aber nicht die Darmstädter), sondern eine am Waldrande mit dem Blick auf den Ort und auf maßvolle Berge. Dazu gehört eine Privatkatze. Dort habe ich gelesen: Schiller, Naive u. sentimentalische Dichtung, was ich für Ackerknecht heraus geben soll, und Lincoln Barnett, Einstein – ein populäres, ausgezeichnet geschriebenes Buch von 150 Seiten, dessen Grundgedanken der Laie (ohne mathematische Formeln) gut verstehen kann. Alles bewundernswert! Aber wenn das die Natur ist, von der Du 1903 sprachest und die mir damals immer noch zu sehr bloße Natur war, dann deckt sich nur noch das Wort. Vom göttlichen Leben ist nirgends die Rede,
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| weil ja die Fragestellung viel enger ist. Und das Ganze muß man schließlich ansehn als eine kosmische Explosion, die noch nicht zu Ende gegangen ist. Fast möchte ich glauben, der liebe Gott habe sich einen Witz gemacht, indem er dies als Antwort auf unsre neugierigen Fragen herauskommen ließ.
Natürlich sind die Viertelstunden der Meditation auf jener Bank noch bewegender. Sehr heiter fallen sie nicht aus. Im besten Falle ist es dankbarer Rückblick, oft auch Revision von Dingen, die man falsch gesehen und falsch behandelt hat und die sich nun höchstens durch "Umsinnung" wieder gut machen lassen. Die Fügung und Führung hat es so gewollt, daß wir beide im "fünfzigsten Jahr unsrer Zeitrechnung" einen Unfall erleiden sollten. Der meinige hat am 2. Pfingsttage stattgefunden und sich als recht nachhaltig erwiesen. Meine Existenz hier ist eigentlich nur noch "Schonung." Diese Gemeinsamkeit gehört mit zu dem uns bestimmten Lebenswege, und wir werden dies auch mit der inneren Gewißheit tragen, die wir erkämpft haben und natürlich immer neu erkämpfen müssen. Auch der letzte Akt, erst der letzte Akt gibt dem Stück seinen Sinn.
Da ist die arme Frau Kerschensteiner, genau so alt wie Du, die unter einem Ekzem (nach Spritzen) schwer zu leiden hat und zum ersten Mal schreibt, sie könne vor Schwäche nicht schreiben. Da ist der Paulus Geheeb, genau so alt wie Du, der von Goldern zur Erholung noch nach Meiringen hinunter – und
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| drüben wieder zum Rosenlauigletscher emporspringt. Aber ich habe in seine guten Augen gesehen und einen tief traurigen Zug darin gefunden: sein Lebenswerk ist ihm nicht geglückt, und seine Seele ist müde, obwohl er es sich verbergen muß. Auf der Frau liegt die schwerste Last. Sie haben wir ja damals in der Odenwaldschule nicht gesehen. Ich kenne sie aber.
Wir rechnen nun noch auf Besuch von oder Begegnung mit Jeangros aus Bern. Ich möchte, wenn möglich, die Zeit hier durchhalten, weil so viel äußere Ruhe sonst nicht zu haben ist. In T. werde ich wohl mal mit den wissenschaftlichen Ärzten anfangen müssen. Aber wenn nur der Funke von Kraft dazu vorhanden ist, komme ich zum (um den) 31.8. Gibt es auch keine Feier, so wollen wir doch so verabreden: Wir verhalten uns beiderseits so, als ob der liebe Gott die Feier nur verschoben hätte. Der alte Chemiker Walden fuhr an seinem 90. Geburtstag mit der gesamten Festgesellschaft von Gamertingen nach Sigmaringen zum Festessen. Bei uns spielt das Essen eine geringere Rolle als das Beieinander, das ja im Innersten immer da ist.
"Ich komme wieder". Susanne grüßt Dich mit sehr warmen, teilnehmenden Wünschen. Sie bewährt auch hier – bei der schwer zu verhehlenden Trübseligkeit der Gesamtlage, – ihre Haupttugend: die Tapferkeit.
Ich wünsche Dir vor allem erträgliche Nächte.
Sonst ohne Worte innigst
Dein
Eduard.

[li. Rand] Dankbarste Grüße an Frau Buttmi.