Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. August 1953 (Hohfluh)


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Hohfluh, den 18. August 53.
Meine einzig geliebte Freundin!
Soeben bin ich von meiner Bank nach Hause gekommen, weil um 11 die – so sorgenvoll und heiß wie niemals erwartete – Post dazuliegen pflegt. Ich bin voll großer Dankbarkeit gegen die verehrte Frau Buttmi, die mich so gütig benachrichtigt. Das wirst Du ihr ja sagen, und ich werde auch noch selbst schreiben. Hoffentlich ist auch alles so dargestellt, wie es ist, und nicht aus Schonung für den Reisenden ein bißchen verbessert! Eine große Erleichterung ist es schon, wenn Du kein "Gestell" zu tragen brauchst. Um so schwieriger wird es sein, still genug zu halten. Das Ganze ist eine schmerzliche Geduldsprobe; zumal in einem heißen Monat. Aber es schein jetzt etwas frischer zu werden; allerdings läßt sich das von hier oben schwer beurteilen.
Die 50 M habe ich Dir geschickt, damit Du "Taschengeld" hast – für Kleinigkeiten etc. Die Verlegung in eine höhere Klasse erwäge doch. Die entstehende Rechnung kannst Du direkt an mich schicken lassen. Um den 28.8. sind wir zu Hause. Wer ist eigentlich der Chef der Chirurg. Klinik? Irgendwie, mindestens dem Namen nach, werden wir uns kennen. Ist es Bauer(?), so habe ich ihn von 1½ Jahren in Mannheim gesprochen.
Ich hoffe, daß Du so viel Besuch bekommst, wie Dir angenehm ist. Leider ist ja der Weg
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| sehr weit. Folgendes Projekt unterbreite ich zur gelegentlichen Stellungnahme: Schmeil hat immer betont, daß ich sein Haus für jeden Dienst in Anspruch nehmen kann. Ich könnte den Prokuristen bitten, daß er Dir einmal für eine Stunde eine Stenotypistin schickt. Der könntest Du – mit Pausen – alle Briefe diktieren, die Du herausgehen lassen willst.x) [li. Rand] x) Leuchtet Dir die Sache ein, so kannst Du zur Beschleunigung auch selbst an den Prokuristen Hillig, Zeppelinstr. 200, telephonieren lassen. Ich meine damit hauptsächlich die Benachrichtigung "dritter" – Deiner Verwandten vor allem u.s.w. Ich will glücklich sein, wenn ich nur von Zeit zu Zeiterfahren darf, daß es normal weiter geht. Und noch einmal mit aller Betonung: Unterlasse nichts, weil es Geld kostet. Für solche Gelegenheiten ist es ja, daß ich gespart habe; es ist nun genug da. Schicken von hier aus könnte ich höchstens eine Tafel Chokolade, und die ist ja nicht angebracht. Selbst Zeitungen gibt es hier oben nicht. In so einer großen Klinik ist doch sicher jemand, der für eine Thaler Botenlohn alles Erwünschte besorgt.
Der Schlaf wird bei der Hitze schlecht sein. Und nicht der mangelnde Schlaf ist das Schlimme, sondern alles das, was sich dann auf die Bettdecke setzt. Aber standhalten! standhalten!
Von hier ist seit vorgestern nichts Erwähnenswertes zu berichten. Ich bleibe dabei, nichts zu unternehmen – ein mir sehr ungewohntes Verhalten. Mehr als 3 Km weit bin ich noch nicht gekommen. Ich habe auch gar keine Gedanken dafür. Mich beschäftigt nur eins,
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| und insofern hat es nicht viel Zweck, daß wir noch hierbleiben. Sonst ist alles positiv hier; so viel Ruhe ist in der Grabenstr. nicht zu haben, und ich möchte auch nicht Idas wohlgelungene Ferien abkürzen, die natürlich sofort käme, wenn sie hört, daß wir kommen.
Gestern war wieder Paulus Geheeb 2 Stunden hier. Er ist ein Humanitätsapostel bis zum Radikalismus: Ansehn tut er wie Tagore ohne Mantel. Aber man muß ihm gut sein. Die Bevölkerung hier scheint sich allerdings vor dem Rassengemisch in seinem Hause zu bekreuzigen. Es ist wirklich ein bißchen stark.
Eine Verabredung mit Jeangros ist noch nicht getroffen. Bern ist nicht so ganz nah, und allzu anstrengend dürfte eine Tagestour ihm entgegen, für mich nicht sein. Lieber übernachten wir dann einmal auf der Rückreise an einem der beiden Seen. Unsr Fahrkarte nötigt uns zu der Fahrt über LuzernZug. Als wir auf der Herreise die Linie Luzern, Hergiswil, Stansstaad fuhren, habe ich unsre Wege dort wiedererkannt. Ob wir auch Zollingers in Zürich noch einmal sehen, ist fraglich. Sie haben jetzt das Söhnchen des Sohnes (in Uster) im Hause.
Wenke will mich in die Korporationenfrage hineinziehn, die nun ans Bundesgericht gehen soll; außer mir auch Litt, der jetzt in Gastein ist. Eigentlich paßt das schlecht für
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| jemanden, der keine Erregungen haben soll. Ich habe aber doch gestern 6 Seiten an einen Tübinger Kollegen geschrieben, der gleichzeitig Bundesrichter ist. (Wir haben drei!)
Susanne genießt den Aufenthalt hier unbeschreiblich. Auch deshalb möchte ich ihn nicht gern vorzeitig abbrechen. Es tut mir nur leid, daß ich ihr Glück nicht durch entsprechende Hochstimmung unterstützen kann. Wir haben nach dem schweren Gewitter in der Nacht auf Sonntag jetzt angenehmes Wetter.
So um den 24.8 herum war wohl vor 50 Jahren unsre erste Begegnung in der Rohrbacherstraße. 24. Wir wollen beiderseits tun, was wir können, um gesund und gemeinsam zu feiern. Wie und wann, das kann ja noch ein wenig offen bleiben. Reicht meine Kraft aus, so tut es nichts, wenn ich das erste Mal noch in das Krankenhaus komme.
Nun weiß ich weiter nichts mehr als die Wiederholung der Dinge, die ich Dir im Anfang ans Herz gelegt habe. Schaffe an Lästigem ja beiseite, was durch Deinen Entschluß beiseite geschafft werden kann!
Susanne und ich wünschen Dir in wärmster Anteilnahme gute Besserung.
Alles andre ist ein Lied ohne Worte.
Innigst
Dein
Eduard.