Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. August 1953 (Hohfluh)


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Hohfluh, den 23. August 53
1. Jubiläumstag!
Meine einzige Freundin!
Gestern Abend erhielt ich die Karte, die Frl. Hedwig Matthy gütiger Weise geschrieben hat. Meinerseits war ich faul. Denn wir hatten bei Sturm und Regen (aber so geschickt, daß wir davon nicht betroffen wurden!) den Weg nach Wasserwendi (1150) gemacht. Großartige Beleuchtungen und deutlicher Blick auf den Brienzer See. Hinterher waren Gewitter, es wurde kalt, und ein freundlicher Mann aus der Gegend von Luzern hielt mich auf der Terrasse fest.
Daß aus den 3 Wochen, auf die anfangs akkordiert wurde, nachher etwas mehr wird, gehört wohl zum ärztlichen Handelsgeschäft. Wir wollen froh sein, wenn die Heilung ordentlich erfolgt und die Bewegungsfähigkeit wiederhergestellt wird. Das wird aber auch seine Zeit erfordern, und die äußeren Bedingungen für die Zeit nach der Entlassung aus der Behandlung müssen vorbereitet werden. Ich habe vorgestern an Herrn Oberarzt Dr. Schwaiger geschrieben und ihn gebeten, Dich hinsichtlich dieser Zeit freundlich zu beraten. Das sollte die Form sein, um über
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|haupt Interesse zu erwecken. Wenn nun diese Umstellung erfolgt, dann wird vielleicht meine Anwesenheit erwünscht sein. Vorläufig behalte ich den 31.VIII oder 1.IX im Auge. Ich erhoffe Deine eignen Auffassungen über die Gestaltung der Rekonvalescenz zu Goethes Geburtstag nach Tübingen.
An unsren Plänen hat sich insofern viel geändert, als Jeangros uns am heutigen Sonntag hier besuchen wird. Es entfällt also der Grund, nach Spiez zu fahren und dort 2 Nächte zu bleiben. Trotzdem werden wir wohl am Mittwoch, den 26.8. von hier fortgehn. Ich werde es so einrichten, daß wir die Post, die am Mittwoch [oder Donnerstag] hier eintrifft, nachgesandt erhalten – vielleicht nach Thalwil* [re. Rand] *Zürichsee. (?). Ob wir Zollingers noch einmal treffen, ist unsicher. Aber auch ihre Adresse rufe ich Dir für alle Fälle hier noch in Erinnerung: Zürich 32, Kempterstr. 7.
Ich bin mit dem Aufenthalt hier sehr zufrieden. Daß der Ort vielleicht doch ein wenig zu hoch für mich ist, äußert sich möglicherweise in den sehr lebhaften und aufregenden Träumen, die sonst meine Gewohnheit nicht sind. Du wirst Frl. Héraucourt kaum noch sehen, da sie ja nach Mülben gehen wollte. Sollte es doch der Fall sein, so frage
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| doch bitte nach dem Namen des Arztes in Reutlingen, der sie behandelt hat. Ich muß vor dem 10.9. von meinem Landdoktor los, der ein bißchen zu obenhin verfährt.
Ich erinnere mich der sorgfältigen äußeren Vorbereitungen, mit denen ich heute vor 50 Jahren die Neue Schloßstr. 10 oder ? 5 ? verließ, um den unvermeidlichen "offiziellen" Besuch zu machen. Glacéhandschuhe gehörten auch dazu. Ich erinnere mich auch noch der halb mißmutigen Erwägung: "Vielleicht kommt doch irgendetwas dabei heraus, was die Mühe lohnt". Wenn man auf das ganze eigene Leben zurückblickt, so wird es einem schwer, zu denken, daß keine sinnvolle Führung darin gewesen sein sollte. Ich gebe zu: wissenschaftlich ist das nicht zu beweisen. Aber irgendwo tiefer liegt "die Gewißheit, die kein Wissen ist." Auf die kommt es doch an, und aus ihr stammen alle "Resultate des Lebens". Eine unsagbare stille Dankbarkeit erfüllt mich – gegen Dich, meine Einzige, aber auch noch gegen einen Andern, ganz Andern!
Wider Erwarten scheint Jeangros heute gutes Wetter mitzubringen. Wir werden wohl nachm. nach Goldern wandern müssen, (3,5 Km) etwas aufwärts; denn Geheeb hat auch großen Appetit auf die Bekanntschaft.
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Die Freundschaft mit der Katze auf der Privatbank ist allmählich so groß geworden, daß sie mich am Lesen hindert; auch die Uneigennützigkeit ist dahin. So geht es im Leben. Meine Lektüre war zuletzt Heidegger. Ich bin aber an ihm weniger satt geworden als die Katze an meinem Frühstück.
Jetzt bin ich ein bißchen besorgt, ob wir in der kommenden Woche auch unsren Postkontakt aufrecht erhalten können. Aber bei der Abreise werden wir ja wissen, wo wir die 2 nächsten Nächte bleiben. Nur was am 26.8. nicht mehr hier sein kann, das sende lieber gleich nach Tübingen.
Hoffentlich sind die Schmerzen wirklich "selten" – nur bei Umlagerungen. Die Schwüle wird bei Euch auch aufhören. Hier ist sie schon lange weg.
Herzliche Grüße und Wünsche von Susanne.
In Kronberg ist der alte Onkel Wolf gestorben, wie Frau Biermann mitgeteilt hat, der Vater der im Hause lebenden Baumeisterin Wolf.
Viele innige Grüße ohne weitere "Spezifikationen".
Dein getreuester
Eduard.