Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. August 1953 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>

28. Aug. 53
abends.
Meine einzige Freundin!
Vor 3 Stunden sind wir hier programmäßig eingetroffen. Ich habe zunächst auf dem Tisch, der bis zu 30 cm Höhe mit Post bedeckt war, Deine beiden lieben neuesten Nachrichten ausgegraben: den Brief vom 26.8. und die Karte vom 27.8. Daß ich die letzte nach Hohfluh gerichtete Karte noch in Thalwil erhalten habe, habe ich schon von dort aus – dankend – geschrieben.
Daß nun die Bewegungsübungen anfangen sollen, höre ich mit stark gemischten Gefühlen. Wir haben ja dies immer als Ziel im Auge gehabt; aber es ist natürlich eklig bis zum tz, zumal für uns Alte, denen die Knochen so schon beim Bewegen weh tun. Und es gibt da liebreiche Schwestern, die gleich möglichst viel erreichen möchten. Das laß Dir nur nicht gefallen. Es muß ganze schrittweise ge
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|schehn, und wenn 70% erreicht werden, muß man vielleicht zufrieden sein. Erfreulicher ist wohl, daß bald auch das Stehen und Gehen wieder anfangen kann. Auch dabei wird man sich anfangs dusselig fühlen, und darf nicht verzagt sein, wenn es jeden Tag nur "ein bißchen" vorangeht.
Warum ich an Dr. Schwaiger geschrieben habe? Als ich nach dem Chef fragte, nanntest Du mir außer seinem Namen den des Oberarztes. Das deutete ich so, daß der Chef Dir überhaupt nicht sichtbar wird, wohl aber ein, bzw. der Oberarzt. Es ist eine alte Erfahrungsregel: "überspringe keine Instanz; an die Oberste kannst Du immer noch heran". So dachte ich, recht zu tun. Erfolgt garnichts daraus, so schadet es ja wohl auch nicht.
Meinerseits bin ich etwas ratlos, wann mein Kommen den besten Gemütseffekt hätte. Wenn Du einmal wieder eine freundliche Schreibhilfe zur Verfügung hast, so teile mir zweierlei mit: 1) wann Du mit dem Aufstehendürfen rechnest, 2) wann die regulären Besuchszeiten sind, zu denen man
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| das Recht hat, anwesend zu sein.
Wie es mit mir steht, kann ich nicht recht sagen. Ich habe jedenfalls 23 Tage absolut gesund und vernünftig gelebt, aber ebenso stimmungslos und völlig unternehmungsunlustig. Von 18 Uhr an wurde der Zustand zunehmend unerfreulich – das Gegenteil meines normalen Befindensrhythmus.x) [li. Rand] x) Auffallend sind die Stauungen vor, bzw. im Magen, bei sonst allerbester Verdauung. Geschlafen habe ich völlig ausreichend, aber immer mit unruhigen Träumen, und wenn ich wach lag, setzte das fühlbare Stampfen des Herzens ein, das ich hier in T. nicht hatte. Es ist umso mehr anzunehmen, daß die 1050 m doch zu hoch waren, als die letztere Erscheinung in den beiden Thalwiler Nächten sofort aussetzte. Ich bin heute Abend noch unentschlossen, ob ich mich nach den neuesten Methoden untersuchen lassen soll und von wem? (mindestens Elektrokardiogramm!) Das kann ich nur, solange mein Landdoktor in den Ferien ist, und muß ich, um zu wissen, ob ich das angreifende Amt des Vicepräsidenten der DFG beibehalten soll.
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Wir sind nach dem Aufenthalt am Züricher See, der für mich durch abendliche Gewitterlage sehr angreifend [über der Zeile] war, aber zum ersten Mal etwas Stimmung machte, [über der Zeile] heute um 9½ von Thalwil abgefahren, waren von 10–½12 noch mit dem Ehepaar Zollinger in dem Museumpark an Sihl/Limmat und am Bhf zusammen. Es war dann viel Ferienverkehr. Susanne nahm mir die Aufregungen der Gepäckrevision ab, und die eigentliche Fahrzeit dauert ja nur 3½ Stunden. Ida war am Bahnhof und erzählte dann sehr angeregt von den fast 3 Wochen bei der guten Krogner, deren Verrücktheiten sie doch auch bemerkt hat.
Die Post der Zwischenzeit enthielt wenig von Belang. Einladungen zu Reden werden abgelehnt. Die stille Arbeit am Schreibtisch wird schon noch gehn.
Wie gesagt, kommen diese Zeilen nur des Sonntags wegen als Eilbrief. Am Sonntag selbst schreibe ich dann wieder mit der regulären Post. Fühle Dich ja nicht zu Nachrichten gedrängt, wenn es normal geht; nur dann, wenn Du irgendetwas brauchst. Ich kann ja jetzt alles schicken, was Dir erwünscht ist. Im übrigen müssen wir ohne Rücksicht auf den heiligen Kalender ein bißchen still<li. Rand>halten, bis wir beiderseits ein wenig disponieren können. Wenn Du aber schreibst, daß Du mich brauchst, bin ich am nächsten Tage da.
Susanne und Ida wünschen das Beste. Und sonst weißt Du ja alles!!
<re. Rand>
Dein getreuer
Eduard.