Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. August 1953 (Tübingen)


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Tübingen, Sonntag den 30. August 53
Meine geliebte Freundin!
Wir hatten uns den 31. August 53 anders ausgemalt – mindestens als ein stilles Zusammensein. Aber wir würden dem Geist unsrer Lebensgemeinschaft untreu, wenn wir nicht auch dieses Schicksal willig hinnähmen, wie wir so viel Schönes empfangen durften.
Was uns vergönnt war, ist ja wohl einzigartig, zumal in diesem stürmischen Jahrhundert. Alles steht jetzt doppelt lebendig vor meiner Seele: diese vielen Bilder, von denen man sagen darf: mancherlei Stile, aber Ein Geist! Heidelberg, [über der Zeile] Kassel Ilmenau, Griesbach, Reichenau, Freudenstadt, Leipzig, Berlin, Zürich, Mittenwald, Herrenalb, Marienbad, Maulbronn, Wimpfen, – Neckartal überhaupt. Die Orte sind dabei ja nur Gleich
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|nisse für einen sich wandelnden Gehalt, der jedoch immer seine Identität im Überzeitlichen bewahrte. Für diesen Kern gibt es keinen Namen, am wenigsten einen – ismus. Er ist das, was gelebt wurde und wie es gelebt wurde. Ich will auch heute nicht irgend ein Bekenntnis ablegen, sondern Dir nur danken. Und selbst dazu stehen mir nicht die würdigen Worte zur Verfügung.
Blumen hoffe ich Dir bald selbst bringen zu können. Infolge m. Reise bin ich leider so ganz symbollos, wohl auch schwerfällig. Aber wir wollen mit Entschiedenheit die "Feier" nur als verschoben betrachten und sie – so Gott will – dann so einrichten, daß sie möglichst etwas von der Stimmung hat, die viele unsrer gemeinsamen Tage so schön gemacht hat. Mag es
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| nun schon etwas auf den Klang Philemon und Baucis "gestimmt" sein, jedes Miteinander in seiner Art und zu seiner Zeit ist beglückend.
Wenn Du einmal wieder ein vertrauenswürdige Schreibhilfe hast, dann äußere Dich bitte zu der Terminfrage, soweit Du sie übersehen kannst. Am 6. September ist Wahltag; da könnte ich erst nach dem Wählen abfahren. Am 3. September kommt Litt auf meine Bitte hierher (Begegnung in Plochingen hatte ich abgelehnt, weil ein Tag ohne Quartier zu anstrengend für mich würde.) Es geht mir aber z. Z. ganz ordentlich, wobei freilich miteinzukalkulieren ist, daß ich mich völlig schonen kann.) Um den 21.–24. September liege ich hier durch Staatsprüfungen fest. Irgend wann im September kommt auch Louvaris. Deshalb wäre es gut, wenn wir – nach Deiner Bestimmung – einen
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| Termin festlegen könnten. Ich weiß ja so vieles Einzelne noch nicht, was Du naturgemäß nicht diktieren konntest. Und es ist auch vorwärts zu disponieren.
Ich danke wärmstens allen Freundinnen und Freunden, die mir nach Deinem Diktat geschrieben haben. Denke doch mal nach, ob ich Dir nicht irgend etwas vorher senden kann, was Dir Freude macht und ev. irgend etwas erleichtert.
Junge Leute schreiben Briefe, in denen manchmal der Stil das Empfundene erhöht; bei alten Leuten ist es umgekehrt: die Ausdrucksmöglichkeiten reichen nicht aus. Nimm daher mit dem Versuch vorlieb und er - innere Dich im Sinne Platos an das, was ich meine und was ich sagen möchte und was aus Gottes Gnade kommt.
Mit den innigsten Wünschen für tägliche Fortschritte
Dein
Eduard

[li. Rand] Es war doch chronologisch so:
23.8.03 Antrittsbesuch
30.8.03 Abschiedsbesuch
31.8. (Geburtstag Deines Vaters) Weißer Stein.