Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. September 1953 (Tübingen)


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Tübingen, den 1. September 53.
Meine geliebte Freundin!
Ich war sehr glücklich, sowohl zum 31. August wie vom 31. August eine Nachricht von Dir zu erhalten. Versäume bitte nicht, Fräulein Gramling meinen herzlichen Dank für ihre Hilfe und die besten Genesungswünsche von mir zu übermitteln.
Als ich die Karte vom Schloß Tegel erhielt, war ich gerade bei der Lektüre des Briefwechsels Humboldt-Schiller (im Zusammenhang mit der Ausgabe von "Naive u. sentimentalische Dichtung" für Ackerknecht). Das ist doch auch wieder "Zusammenklang der Seelen."
Ich wäre nun dankbar, wenn wir den Termin meines ersten Besuches festlegen könnten, und ich schlage vor Dienstag den 8. September. Wenn Du nicht wiedersprichst, tue ich ab Do. 3. September (wo Litt hier ist) die ersten Schritte. Ich muß mir dann nämlich durch Q. u. M. ein Quartier bestellen lassen, er kann mir ein oder zweimal sein
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| Auto zur Verfügung stellen, und besuchen muß ich ihn aus geschäftlichen Gründen auch. Sehr liegt mir ferner daran, daß Du die Septembersendung nicht zu spät erhältst. In die Klinik käme ich am 1. Tage (8.9.) nachmittags, am 2. Tage vormittags. Es wird vieles zu besprechen sein. Anscheinend habe ich die Verbindung mit dem falschen Oberarzt aufgenommen. Herr Dr. Schwaiger kann ja aber den Brief einfach weitergeben.
Gestern habe ich nun – zur Feier des Tages – einen anderen Arzt aufgesucht, der hier als Praktiker ein großes Ansehn genießt und (wie das Wartezimmer bestätigte) geradezu überlaufen ist. Die Herzsache – wohl angina pectoris – ist natürlich da. Ich wollte aber auch wissen, ob der Blutdruck 210 (Tübingen) oder 160 beträgt (Hohfluh.) Das als sehr günstig bezeichnete Ergebnis war 162. Der Doktor fand die ganze Sache altersgemäß, und als guter Beobachter stellte er sogleich fest, daß ich äußerst sensibel bin und zu Depressionen neige. Das veranlaßte ihn wohl zu dem emphatischen Ausruf: "Beneidenswert, wie Sie im Stande
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| sind." Aber davon mache ich die gebotenen Abstriche. Denn 1) muß ich für den Rest m. Lebens Digitalispräparate fressen – statt des Hydergins, wovon man im Monat für 30 M verbraucht; und 2) meinte er, auf regelmäßiges öffentliches Auftreten solle ich verzichten; "höchstens zu Jubiläen". (Das sind nun gerade die aufregenden Gelegenheiten!) "Lieber mal ein Viertel Wein oder ein Spaziergang mit Steigung." Die Auskünfte genügen mir. Das Übrige sagt das Befinden, das ja bei der höchst bequemen Lebensweise, die ich jetzt führe, "ausreicht." (= altersgemäß.)
Ich bitte Dich um Nachsicht, daß ich so viel von mir berichte. Selbstverständlich habe ich viel mehr Einzelfragen an Dich über Dein Ergehen. Ich sehe nur ein, daß Du keine Möglichkeit hast, sie mir zu beantworten. Eben deshalb ist es höchste Zeit, daß ich Dich spreche. Es "schwebt" auch der Besuch von Louvaris über Tübingen. Deshalb wäre es notwendig, daß ich gegebenenfalls sagen könnte: am 8. u. 9. September nicht.
Aus Neckarsteinach telegraphierte gestern der Pfarrer Jahn aus Steglitz. Er wird am Wahlsonntag hierher kommen.
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Was Dir bei dem Massieren und Bewegen widerfährt, empfinde ich auf die Entfernung hin körperlich mit. Aber Du bist ja immer bei Schmerzen tapfer gewesen. Man muß sich wohl zunächst den inneren Ruck geben, das Ziel auch selbst mit ganzer Kraft zu wollen. Ist es im Gange, so bringt auch jeder kleine Fortschritt Freude. Also, um in unsrer Heimatsprache zu reden: "Gehe nur heran, wie Hödel an den Klotz!"
Das Wetter ist herrlich. Du hast hoffentlich Deinen Fensterplatz behalten und kannst Dich damit ein wenig trösten, daß Du mehr von der Landschaft siehst als in "St.-Peter." Nett, daß Dir die sonst so wüste Frau den Kaktus gebracht hat!
Übrigens richte Dich ein, mir dann einige Briefe zu diktieren, die Dir wichtig sind.
Dr. Fetscher kommt – | Herzlichste Wünsche von uns dreien,
besonders von
Deinem
Eduard