Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. September 1953 (Tübingen)


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Tübingen, den 11.9.53.
11 Uhr.
Meine geliebte Freundin!
Mit dem Auto war ich gestern im Flug an der Bahn und hatte dort bis zum Abgang des Zuges noch fast ¼ Stunde Zeit. Nach 32 Jahren fuhr ich wieder die Strecke NeckargemündWimpfen, sah die Walkmühle (jetzt wohl Elektrizitätswerk) die Steinsfurter Burg etc. Die Brücke bei Jagstfeld ist also fertig; eine Autobrücke bei Wimpfen-Tal beinahe fertig.
Besuch v. Hrn Niemeyer.
Inzwischen war ich in Reutlingen zum Haarschneiden. Fortsetzung erst 18 Uhr.
In dem Zuge saß ein 14jähriger Junge, der aus Leipzig wegen Sabotage gegen die Schule hatte fliehen müssen. Aus dem "Kontrollager" Gießen hatte man ihn nach Weinsberg in ein Lager dirigiert. "Ich muß sobald wie möglich Geld verdienen. Im nächsten Monat hat meine Mutter Geburtstag. Da möchte ich ihr etwas schicken." Ich belehrte ihn über die Gegend, was er verständig aufnahm, und stiftete 3 M in die Sparkasse.
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Die Fahrt dauerte 4½ Stunden, statt 3¼ auf dem Hinweg. Aber sie war eine Abwechselung, und ohne jeden Zuschlag. Zu Hause empfing mich Ida sehr fürsorglich und fragte lebhaft nach Deinem Ergehen.
Ich bin sehr froh, nun eine Vorstellung von Deinem Aufenthaltsort zu haben, noch mehr aber, daß ich von Deinem Befinden und seinen Fortschritten einen guten Eindruck mit nach Hause nehmen konnte. Die günstige Heilung bestätigt auch der Brief von Dr. Schwaiger nach Hohfluh, den ich diesen Moment hier vorgefunden habe. Er versichert auch in ihm, daß man Dich möglichst lange behalten werde, "bis Du Dir selbst helfen kannst", und weist auf den Kümmelbacher Hof hin. Die eigentlich gute Jahreszeit wird ja dann vorüber sein. Stattdessen kommen die Neckarnebel. Aber Du darfst dann eben nur bei Sonne aus dem Hause.
Für die nächste Zeit scheint es Dir etwas an Besuchen zu fehlen. Ich bedaure dies weniger wegen der
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| von mir – in etwas größeren Abständen – erhofften Nachrichten, als wegen der Besorgungen, die für Dich gemacht werden sollten.
Beim Gehen auf den glatten Korridoren empfehle ich außer der Vorsicht z. B. einen Stock. Denn das Gleichgewichtsgefühl wird am Anfang noch nicht sicher funktionieren. So <Pfeil auf "Stock"> etwas wird ja auch im Hause sein.
Niemeyer [über der Zeile] 70 J., der im vorigen Jahr wegen seines Herzens 4 Wochen liegen mußte, ist wieder ganz munter und hat sogar im Ammersee wieder schwimmen können.
Die Morgenpost von heute brachte aus Tirol die erfreuliche Nachricht, daß Theo Baensch uns am 16. September auf der Rückreise besuchen will.
Im übrigen habe ich die Arbeit an "Naiv und Sentimental" wieder aufgenommen. Das ist ein harter Knochen.
Susanne, die im Schwarzwald gefroren haben wird, ist heute nach 21 Uhr zu erwarten. Daher sind ihre Grüße noch nicht dabei; um so mehr die von Ida.
Behalte Mut und gute Stimmung; der schwierigste Teil ist ja nun überstanden. Ich wünsche Dir gute Tage und Nächte. Empfiehl mich den Nachbarinnen, die ich hoffentlich nicht zu sehr gestört habe. Innigst <re. Rand> Dein Eduard   Ich grüße dankbar die Herren Dr. Daur u. Dr. Heß.