Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. September 1953 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>

15.9.53.
Meine geliebte Freundin!
Du kannst Dir nicht vorstellen, wie überrascht und wie glücklich ich war, als ich heute früh endlich wieder Deine eigne Handschrift sah. Denn das Schicksal hätte es ja auch anders fügen können, und in Hohfluh habe ich sorgenvoll genug an diese schwerste Möglichkeit gedacht. Was so auf unsren Wegen lauert, zeigt ja auch der Vorfall in dem anscheinend so harmlosen alten Steinbruch, an dem wir oft genug vorbeigegangen sind. Übrigens – wäre der Block in den Neckar gerollt, so hätte er die ganze Schiffahrt auf lange Zeit gesperrt.
Also, Deine Handschrift ist unverändert, wie ich mit tiefer Dankbarkeit empfinde. Das wird auch Deine Stimmung sehr heben, und das Befinden sonst bleibt hoffentlich günstig, auch wenn jetzt zunächst ungewohnte Anstrengungen kommen.
Warum die Garderobe für den Kümmelbacher nicht ausreichen sollte, verstehe ich noch nicht ganz. Du hast doch
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| "Sachen" zum Ausgehen und für Besuche. Besonderer Kostümzwang wird in einem Rekonvaleszentenheim nicht sein. Also auch hierüber keine Sorge! Was im Augenblick fehlt, kann wohl fertig angeschafft und von einer Schneiderin nach kurzer Anprobe passend gemacht werden. So etwas ist höchstens eine Geldfrage, und das darf eben keine Frage sein. Frl. Hedwig Matthy wird schon Rat wissen. Oder mache mir Größenangaben, wir besorgen etwas in Reutlingen. Adaptiert werden müßte es natürlich an Ort und Stelle.
Gundel Buttmi kann höchstens famula sein, wenn ich bitten darf.
Theo Baensch ist mein Beschützer und Freund von Moabit her.x) [li. Rand] x) Wir sind aber noch ganz ohne genauere Nachricht, und alle Stunden am Tage kann ich ja leider nicht freihalten.
Wir sind eben von einem Spaziergang zurückgekommen: über den Spitzberg nach Hirschau, 1¾ Stunden, mit dem Omnibus zurück. Ich halte solche Übungen für das Herz für gut, solange das Wetter noch verlockend ist und Zeit dafür ist. Mit dem zweiten Punkte wird es bald sehr schlecht aussehen. Nächste Woche habe ich 4 Tage Philosophieprüfungen. Dann kommen wieder allerhand Reisen, so Mitte Oktober die Fahrt nach Bremen, die wohl 8 Tage (!) kosten wird.
Nun quäle Dich aber bitte nicht <re. Rand> mit dem Schreiben, sondern lebe ganz so, wie es für das Gesamtbefinden und den Arm angezeigt ist.
Alle hier haben sich mit mir gefreut und grüßen herzlich.
Innigst Dein Eduard.